Bewusstsein

Anmerkungen zum Papstrücktritt

1

Wenn der Papst zurücktritt, bleibt der westlichen – nicht nur katholischen Welt – vor Erstaunen der Mund offen. Plötzlich wird aus dem Stellvertreter Gottes auf Erden wieder ein Mensch: gebrechlich, mit Schwächen, mit Zweifeln, unzufrieden mit seiner Firma. Und damit ist das traditionelle Papsttum auf irgendeine Weise einmal in Frage gestellt. – Alles auf Erden hat einen Anfang und ein Ende: Frühling, Sommer, Herbst und Winter, Institutionen, Kaiserreiche, Gesellschaftsordnungen. Es ist ein Kommen und Gehen, wie im echten Leben von uns Menschen.

Alles kommt und geht – und wer sagt, dass dies nicht auch die verschiedenen Kirchen betrifft? Obwohl es sie teilweise schon recht lange gibt, etwa 1.700 Jahre im Falle der katholischen, doch damit ist nicht gesagt, dass sie nicht auch einmal ein Ende haben werden … wie alles auf Erden. Wir wollen hier nicht auf die blutige Historie der Kirchen und anderer religiöser Sekten, eingehen, die andauert bis in unsere Tage – das machen andere, zum Beispiel Karlheinz Deschner.

2

In der Geschichte des Papsttums ist so ein Rücktritt schon einmal vorgekommen, und zwar vor etwa 700 Jahren. Im Hochmittelalter gab es im Süden Frankreichs, nördlich der Pyrenäen, ein Land, das hieß Occitanien. Es war eine segensreiche, eine friedliche Epoche, die Menschen sprechen heute noch von einem goldenen Zeitalter, in dem Vertreter verschiedener Konfessionen zusammen lebten und einander respektierten. Die Adeligen der Region unterstützten ganz besonders die Bruder- und Schwesternschaft der Katharer, der Reinen, wie sie genannt wurden. Selber sprachen sie von sich als Christen. – Sie lehrten, vor allem lebten sie ein ursprüngliches und reines Christentum der Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe, sie lebten in vollkommener Besitzlosigkeit – jedoch nicht Armut, denn sie waren reich beschenkt durch das Bewusstsein des ihnen innewohnenden Lichtes. – Nachdem das äußere Katharertum durch blutigste Kreuzzüge von Kirche und Adel zerschlagen wurde, da trat ein Papst zurück …

In unseren Tagen beginnt wiederum eine Zeit zu blühen, eine neue Epoche wird eingeleitet, in der viele Menschen dem inneren Ruf nach Autonomie, Freiheit und Frieden zu folgen beginnen. So wird auch immer mehr Menschen bewusst, dass wir füreinander und für unseren Planeten Verantwortung tragen, dass wir Erleuchtung, Freiheit, ja Erlösung nicht von außen erwarten dürfen, nicht von Institutionen, nicht von Päpsten oder anderen Autoritäten. Es geht ein deutlicher Ruf um die ganze Welt: aufzuwachen aus der Nacht von Irreführung und Unbewusstheit, aufzuwachen in die Morgenröte des heutigen Tages bewusster Gegenwart.

3

„Alles verändert sich, aber dahinter ruht ein Ewiges“, schrieb Goethe. Diesem Ewigen sich wieder zu nähern – dieses Ewige, das hier und jetzt ist und näher als Hände und Füße –, das empfinden viele heutige Menschen wie eine Lebensaufgabe. Wir alle sind auf irgendeiner Suche, und wo sich unsere Ziele im Äußeren auflösen, da beginnen wir nach oft heftigen, aber heilsamen Ent-täuschungen unsere Ziele woanders zu suchen…

Klaus Bielau

Dr. Klaus Bielau, Jahrgang 1955, absolvierte von 1975 bis 1977 ein Regiestudium an der Kunsthochschule Graz, danach Theaterarbeit bis 1988. 1980 Begegnung mit der Homöopathie, begann deswegen mit dem Medizinstudium, Promotion 1986. Seit 1990 führt er eine rein homöopathisch ausgerichtete Praxis; war Vortragender und Lektor für Homöopathie an der Uni in Graz sowie an den Paracelsus-Schulen in Graz und Wien.
Er ist Kolumnist und Redakteur der Zeitschrift Pulsar; er verfasst Bücher, Essays und Erzählungen über Heilkunde, Paracelsus und die Wege des Menschen zur Autonomie. Lebt mit seiner Familie in Graz.

Buchveröffentlichung beim Verlag Zeitenwende: Wendezeit der Medizin, Band 1: Die Erneuerung der Heilkunst (2008); Wendezeit der Medizin, Band 2: Zur Kunst der Selbstheilung (2010); Wendezeit der Medizin, Band 3: Zur Kunst des Einfachen (2013)

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