Wandelthek

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Das Lebensrad: Spiegel menschlicher Entwicklung

Kategorien: Bewusstsein, Schamanismus

Geistiges und spirituelles Wachstum werden in den modernen Gesellschaftsformen meist bereits in den frühen Lebensjahren eines Menschen blockiert, es fehlen allzu oft eine klare Orientierung und/oder weise Führung und bewusstmachende Übergangsriten, die von einer alten in eine neue Lebensphase führen. Doch wie und unter welchen Umständen kann (wieder) ein Leben geführt werden, das geprägt ist von geistig-spiritueller Entwicklung, die nicht nur dem Menschen persönlich, sondern auch seinen Mitmenschen im näheren oder weiteren Umfeld zugute kommt? Im Rahmen seiner schamanischen Arbeit geht Norbert Paul seit Jahren unter anderem dieser Frage nach.

Mit seinem Abendländischen Lebensrad kann er die Antworten darauf geben. Mit diesem wird sowohl die vollständige Lebenszeit eines Menschen als auch die Bedeutung der einzelnen Lebens-, Initiations- und Übergangszeiten dargestellt, es veranschaulicht die Wechselwirkungen der verschiedenen Lebensphasen und zeigt, wie sich die gegenüberliegenden Positionen auf dem Rad einander bedingen. Für die praktische Arbeit mit dem Lebensrad bedeutet das: Es macht persönliche Defizite und Verzerrungen im menschlichen Miteinander klar und zeigt, weshalb Gegebenheiten so sind, wie sie sind, und wo etwas geändert werden muss, um den nächsten Schritt im Leben gehen zu können.

Die neun Lebensphasen

Auf den ersten Blick ergibt sich die Einteilung der neun Lebensphasen auf dem Abendländischen Lebensrad aufgrund der menschlichen Entwicklung von der Geburt bis zum Tod von alleine, allerdings sind die Längen der einzelnen Phasen von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es gibt keine festen Jahres- oder Altersgrenzen, welche die jeweiligen Lebensabschnitte einengen, wie es im Allgemeinen der Fall ist. Aufgrund der Unterschiedlichkeit der Menschen erfolgen beispielsweise die Initiationen, die zwischen zwei Werdezeiten beziehungsweise Lebensphasen liegen, nicht zu pauschal festgelegten Terminen oder Lebensjahren, sondern sie orientieren sich an der tatsächlichen Reife des einzelnen Menschen.

Dieses Lebensrad gründet auf dem Abendländischen Medizinrad, welches wiederum ein Abbild der ewigen Schöpfung ist. Somit stehen hinter den neun Lebensphasen eines Menschen verschiedene Energien und Kräfte, welche die jeweilige Lebenszeit prägen und unterstützen. Folgendermaßen sind sie angeordnet beziehungsweise stehen sie sich gegenüber und bedingen einander:

 Das Abendländische Lebensrad

Initiationszeit zum Jugendlichen und Initiationszeit zum spirituell Erwachsenen

Beispielhaft für alle sich auf dem Lebensrad gegenüberliegenden und unter Wechselwirkungen stehenden Lebensphasen werden hier die Initiationszeit zum Jugendlichen und die zum spirituell Erwachsenen kurz umrissen (die Ausführungen folgen dabei denen von Norbert Paul): Im Süden steht die Initiationszeit zum Jugendlichen; das ganze Feuer, die Begeisterung und Kreativität, welche diese Himmelsrichtung und das ihr zugehörige Element mit sich bringen, werden freigesetzt. In dieser Phase durchlebt der Mensch eine der umfangreichsten Transformationen seines Lebens: die Pubertät. Es wandeln sich der Körper, das Erscheinungsbild und die Gefühlswelt des jungen Menschen deutlich, was ihn zutiefst verunsichern kann. Er verlangt nach Erklärung, Orientierung und Beistand, aber auch nach dem notwendigen Freiraum, um eigene Erfahrungen sammeln und zu eigenen Erkenntnissen gelangen zu können. Oft werden die Geschehnisse der äußeren Welt sowie das eigene Selbstbild durch ein mehr oder weniger ausgeprägtes Verlangen nach einer neuen Identität grundlegend in Frage gestellt. Es ist eine Zeit der totalen Verunsicherung und Veränderung. Eine klare Orientierung und starke natürliche Vorbilder, denen man ganz selbstverständlich und von sich aus Respekt und Achtung entgegenbringen kann, sind in dieser Zeit nicht nur sehr gefragt, sondern auch dringend notwendig. – Und dieses Verlangen sollte von Menschen, die sich in der Initiationszeit zum spirituell Erwachsenen befinden und die bereits Lebenserfahrungen gesammelt haben, gestillt werden. Der Einfluss des Nordens, in dem sich diese Lebensphase auf dem Lebensrad befindet, kann dem im scheinbaren Chaos versunkenen jungen Menschen zeigen, dass er mit diesem auch konstruktiv umgehen, dass er die im Chaos liegenden Kräfte für sich selbst nutzen kann, dass es verborgene Schätze zu heben gilt und dass die Chance besteht, ein ganz neues Leben zu gestalten – und zwar das eigene. Erwachsene Menschen mit natürlicher Autorität und wertevermittelnder Vorbildfunktion können den Heranwachsenden in seiner Entwicklung fördern, und somit kann dieser die positiven Erlebnisse, Erfahrungen und Eigenschaften dieser Zeit mit in sein eigenes Erwachsenenleben nehmen. Gleichzeitig wird für ihn die Zeit der Pubertät, des Wandels, diese Phase des Übergangs deutlich sanfter verlaufen und von weniger überzogener Auflehnung und Revolte geprägt sein als bei den jungen Menschen, die dieses Glück nicht haben.

Doch auch der Mensch, welcher sich in der Initiationszeit zum spirituell Erwachsenen befindet, kann von der auf dem Lebensrad gegenüberliegenden Phase beziehungsweise den Menschen, die diese gerade durchleben, profitieren. Denn auch diese Lebenszeit im Erwachsenenalter kann einschneidende Veränderungen und Umwälzungen mit sich bringen, die denen in der Pubertätsphase ähneln. Sie können ebenso verwirrend sein und ins Chaos stürzen. Vieles, manchmal auch alles, wird in Frage gestellt, und vielfach müssen ganz neue Wege eingeschlagen werden. Junge Menschen, die sich in der gegenüberliegenden Lebensphase befinden, führen dem Erwachsenen vor Augen, dass er selbst solche dramatischen Veränderungen schon einmal gemeistert hat und dass sie nicht das Ende, sondern die Chance auf einen Neuanfang sind. Werden die Herausforderungen der Initiationszeit zum spirituell Erwachsenen angenommen, kann der Mensch Wege beschreiten, die sein gesamtes bisheriges Leben verändern, einschließlich aller Beziehungen, Freundschaften und gesellschaftlichen Ordnungen. In dieser Phase besinnt sich der Mensch auf das eigene Selbst, die großen Sinnfragen treten in den Vordergrund und verlangen nach Antworten. Werden diese Fragen angenommen, entwickelt sich der Mensch, er erkennt, was ihn wirklich erfüllt und glücklich macht und was ihm wirklich am Herzen liegt. Er begreift den Sinn seines Daseins und die Tatsache, ein unsterblicher Teil der Schöpfung zu sein. Für die Bewältigung dieser Transformationszeit stehen zum einen die Kräfte des Nordens und das Element Erde, das ihn trotz aller „spiritueller Höhenflüge“ auf dem Boden der Tatsachen hält, zur Verfügung. Zum anderen stehen die Kräfte und Energien des Elementes Feuer, das auf dem Lebensrad im Süden, also genau gegenüberliegt, bereit, um die für echte Veränderungen notwendige Begeisterung für Neues zu unterstützen. Sie müssen nur erkannt werden.

weiterführende Literatur:
Norbert Paul: Der Neue Abendländische Schamanismus. Handbuch für ein Leben im Einklang mit der Schöpfung

Sven Henkler

Sven Henkler

Sven Henkler, Jahrgang 1975, ist als Verleger und freier Autor tätig. Sein Interesse gilt seit Jahren der Mythenforschung.
Buchveröffentlichungen beim Verlag Zeitenwende (www.verlag-zeitenwende.de):
- Die Zeit der Wiederkehr (1999, vergriffen)
- Das Wilde Heer (1. Auflage 2000, erweiterte Neuauflage 2010)
- Mythos Tier - Geschichte und Mythologie einer ewigen Verbindung (2001, vergriffen)
- Urstoff Wasser - Mythisches Element des Lebens (2004, 2. Auflage 2006)
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Autor: Sven Henkler

Sven Henkler, Jahrgang 1975, ist als Verleger und freier Autor tätig. Sein Interesse gilt seit Jahren der Mythenforschung. Buchveröffentlichungen beim Verlag Zeitenwende (www.verlag-zeitenwende.de): - Die Zeit der Wiederkehr (1999, vergriffen) - Das Wilde Heer (1. Auflage 2000, erweiterte Neuauflage 2010) - Mythos Tier - Geschichte und Mythologie einer ewigen Verbindung (2001, vergriffen) - Urstoff Wasser - Mythisches Element des Lebens (2004, 2. Auflage 2006)

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