Wandelthek

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Der befreite Geist im Jetzt der Schöpfung

Kategorien: Bewusstsein, Gespräche, Transformation

Fortführung des Gespräches mit Heinz Klein über die Befreiung des Geistes von religiösen, philosophischen und kulturellen Vorstellungen als „Grundsteinlegung“ für den eigenen spirituellen Weg.

Sven Henkler: In unserem letzten Gespräch, Herr Klein, über die Befreiung des Geistes im Jetzt, legten Sie ausführlich dar, warum der geistige Sucher seinen Geist von allen vergangenheitsbezogenen Bewusstseinsfeldern befreien muss. Mit dieser Tat steht der spirituelle Sucher, so vermute ich, erst am Anfang und nicht am Ende seines Weges. Wenn wir uns heute besonders mit dem direkten Weg befassen, so lautet meine erste Frage: Ist dieser Weg ein einheitlicher oder kennt er mehrere Varianten?

Heinz Klein: Ihre Fragestellung zeugt von großer Kompetenz auf diesem Gebiet. Auf diese Varianten werden wir gleich zu sprechen kommen. Doch nun Schritt für Schritt:
Wenn ein Sucher dahin gelangt ist, seinen Geist aus den Fesseln religiöser, philosophischer und kultureller Vorstellungen zu befreien, die er in der Vergangenheit freiwillig oder gezwungenermaßen übernommen hat, dann steht er quasi erst in den Startlöchern seines eigenen Weges. Dieser ist in ihm bereits angelegt. Einen anderen als jenen, den er als Samenkorn in sich trägt, kann er sowieso nicht gehen. Wenn er sich bewusst darüber wird, wie sehr er sich bisher wie ein geistiger Fernseher verhalten hat, der sich esoterische Programme sogenannter Autoritäten anschaute, dann ist er innerlich bereit, den eigenen Weg freizulegen und zu verwirklichen.
Solange ein spiritueller Sucher in der Nachahmung lebt, meidet er unbewusst, den weniger euphorischen Prozess der Selbsterkenntnis anzugehen.

Sven Henkler: Aber selbst in der Nachahmung, so ist meine Meinung, kann ein Sucher sich darüber Klarheit verschaffen, ob er Fortschritte macht oder Misserfolge erleidet. Die selbst erlebten Erfolge oder Misserfolge geben ihm doch deutlich zu erkennen, wie es um ihn steht. Warum aber legen Sie soviel Wert darauf, dass dem spirituellen Weg die Selbsterkenntnis vorausgehen muss?

Heinz Klein: Selbsterkenntnis bedeutet für viele Menschen eine Art Bestandsaufnahme mit Bewertung des aktuellen Seinzustandes nach einem Plus-Minus-Wertesystem. Da der direkte Weg jedoch ohne Umwege in ein höheres Bewusstseinsfeld, wenn nicht gar in ein anderes Lebensfeld führt, so wird jeder, der sich einem Werteurteil unterwirft, mehr im Minus- als im Plus-Bereich liegen. Schon der Bibelsatz „Vor Gott ist niemand gut, auch nicht einer!“ warnte den Menschen davor, eine allzu hohe Meinung von sich selbst zu haben. Doch diese moralische Erniedrigung hat nichts mit Selbsterkenntnis zu tun.

Sven Henkler: Wenn Selbsterkenntnis wertefrei durchgeführt wird, worin besteht ihr größter Vorteil?

Heinz Klein: Im Prozess der Selbsterkenntnis erhält der Sucher Klarheit über seine Ausgangsbasis. Diese Kenntnis lässt ihn selbstsicherer unter den vielen Wegen den Weg finden, der seinem innersten Wesen entspricht. Dies erspart ihm unnötige Enttäuschungen, die er erleben muss, wenn er trotz vieler Anstrengungen keinen einzigen Fortschritt macht. Jeder Anfänger ist zunächst von dem Wunsch erfüllt, so rasch wie möglich das Ziel zu erreichen. Wer weiß am Anfang des Weges schon, dass Rückschritt eigentlich ein Fortschritt ist?

Sven Henkler: Gehört dieses Paradoxon nicht zu jenen Einsichten, die man erst kurz vor der Vollendung des Weges begreifen kann?

Heinz Klein: Der Weg, und dies gilt besonders für den direkten Weg, entspricht nie der Logik menschlichen Denkens. Je weniger Erfolge erwartet werden, umso gelassener geht man von Wegstation zu Wegstation. Den ganz Eiligen kann man das Bibelzitat entgegenhalten: „Die Ersten werden die Letzten sein, und die Letzten werden die Ersten sein.“

Sven Henkler: Wenn dieses Paradoxon ebenfalls eine tiefe Weisheit enthält, dann ist es doch gar nicht so sicher, wer zuerst ankommen wird; jene, die dem indirekten, oder jene, die dem direkten Weg folgen.

Heinz Klein: Diese Frage entscheiden wir Menschen ohnehin nicht. Doch vermutlich wird mancher, der sich aus dem Staube machen wollte, überrascht sein, wenn er – in den Worten der sakralen Tradition ausgedrückt – die Stelle des Türhüters übernehmen muss, bis auch die Letzten eingetreten sind. Die Schnellen wie die Langsamen befinden sich an verschiedenen Wegstationen. Das Tempo des Weges hängt vor allem von den mitgebrachten „Talenten“ ab. Wenn diese Talente nicht von menschlichen Wünschen und Illusionen überdeckt sind, dann ergreift der Mensch, wenn er zum Sucher wird, ohne Zaudern und Zögern den für ihn bestimmten Weg.

Sven Henkler: Nennen Sie doch einige Beispiel von den Talenten, die Sie im Auge haben!

Heinz Klein: Ich denke hier an Talente, die in vorangegangenen Inkarnationen angesammelt wurden, so zum Beispiel ein unstillbares Verlangen, den Sinn des Lebens zu finden. Oder aber man trägt ein reifes Unterscheidungsvermögen in sich. Oder man besitzt ein rasches Auffassungsvermögen mit dem Herzen. Dies sind Fähigkeiten, die für den spirituellen Weg wertvoller sind als intellektuelle Fähigkeiten. Diese und andere „Talente“ helfen dem Sucher, die Fragen, die er für sich selbst im Prozess der Selbsterkenntnis klären muss, präziser und klarer zu stellen und zu beantworten.

Sven Henkler: An welche Fragen denken Sie da?

Heinz Klein: Die erste Frage, die jeder an sich selbst stellen muss, lautet: Dürste ich so nach dem Geist, wie mein Körper nach Luft verlangt? Ebenso kann man sich fragen: Warum will ich den langsamen, indirekten Weg verlassen, den Weg also, dem die Allgemeinheit der Menschen folgen muss? Will ich etwa in Konkurrenz treten mit Menschen, die in meinen Augen in vielen Lebensbereichen Erfolg haben und die sich seit kurzem mit Esoterik beschäftigen? Bin ich wirklich bereit, das Leben meiner Ich-Persönlichkeit zu verlieren, um das eigentliche Leben, das grenzenlos und endlos ist, zu erlangen?
Da die Selbsterkenntnis wertefrei erfolgen soll und niemand im Universum verdammt ist, kann die Entscheidung für oder wider einen schnelleren Weg stressfrei und angstfrei getroffen werden.

Sven Henkler: Wenn ich mich im Straßenverkehr verfahren habe und mich auf der falschen Straße befinde, dann werde ich mir dessen doch nach kurzer Zeit bewusst. Hat nicht jeder Sucher untrügerische innere Erlebnisse, die ihm die Richtigkeit seiner Entscheidung bestätigen?

Heinz Klein: Wenn er seine Illusionen durchschaut hat und im Zustand der Wachheit aufmerksam nach innen horcht, dann entdeckt er in sich die Anwesenheit von etwas, das sich von dem Qualitätsniveau der biologischen Strukturen abhebt und anders schwingt als die den Körperzellen eigene Radiation. Wenn er mit seinem Herzen lauscht, so unterscheidet sich dieses Etwas von allen vorprogrammierten Strukturen des körperlichen Seins. Je tiefer er in diese Stille und Leere hineingeht, desto näher kommt er an die Wurzeln des in ihm manifestierten Seins. Der direkte Weg, so weiß er jetzt ohne jeden Zweifel, geht nach innen und nicht nach außen.

Sven Henkler: Verläuft dann der Weg aller, die diese Erfahrung gemacht haben, geradeaus auf das Ziel zu, oder tauchen an dieser Wegstrecke die anderen möglichen Wegvarianten auf?

Heinz Klein: Obgleich die Entscheidung ganz eindeutig für den direkten Weg gefallen ist, so zeigt sich dieser Weg unter drei unterschiedlichen Aspekten. Diese drei Wege unterscheiden sich maßgeblich im angestrebten Ziel. Doch das entscheidet nicht das Bewusstsein des Menschen, sondern er folgt seiner inneren mitgebrachten Struktur.
Drei vor zehn Suchern machen sich keine Gedanken über das Endziel. Sie sind für alle Überraschungen offen, und sie möchten ihr Bewusstsein nicht auf ein einziges Ziel fixieren. Sie fühlen sich zum Beispiel von Yoga-Übungen, Magie oder auch psychologischen Erkenntnissen gleich stark angezogen. Unerwartet und plötzlich erleben sie neue Bewusstseinszustände, die für sie eine Wegbestätigung darstellen. In den abwechselnden Bewusstseinszuständen ist allerdings keine Kontinuität zu erkennen, so dass sie immer wieder erneut an dem Ich-Bewusstsein aus dieser Natur gebunden bleiben. Dieses Bewusstsein wird vorübergehend aufgebrochen; aber es ist fraglich, ob diese kurzen Durchbrüche reichen, um den Sprung in das ganz andere Bewusstseinsfeld zu wagen.
Wiederum drei von zehn werden von Gemüts- und Gefühlsregungen bestimmt. Sie arbeiten verstärkt mit ihrer Seele und wünschen sich nichts stärker herbei, als sich in der Transzendenz, die sie oft Gott nennen, ganz zu verlieren. Sie fühlen mit allen Fasern ihres Herzens die Anwesenheit eines höheren, unbegreiflichen Wesens, mit dem sie ganz eins werden wollen. Dieses andere unbegreifliche Wesen bleibt immer ein anderes Wesen, verschieden von ihnen. Ihr Weg ist der Weg der Anbetung, des Verzichtes auf das eigene Wollen, ein Weg der völligen Hingabe. Man könnte diesen Weg, der sehr wohl ein direkter Weg ist, auch den Weg der Mystiker nennen. Ein Ausspruch von Angelus Silesius beschreibt in dichterischer Freiheit die Vereinigung der Seele mit Gott.

„Weg, weg, ihr Seraphim, ihr könnt mich nicht erquicken.
Weg, weg, ihr Heiligen und was an euch tut blicken.
Ich will nun eurer nicht, ich werfe mich allein
ins ungeschaffene Meer der bloßen Gottheit ein.“

Sven Henkler: Nun ist doch der Weg vollendet! Welche andere Variante kann es da noch geben?

Heinz Klein: Das letzte Drittel der Sucher strebt nicht nach dem Erlöschen und Ertrinken in einem Akt der Ekstase im Allerhöchsten. Das andere Sein, das bruchstückhaft im Sucher als Überbleibsel aus der Urschöpfung in ihm vorhanden ist, wird wie ein Kind mit unpolarisierten Ätherkräften ernährt und zum vollkommenen Erwachen geführt. Im Sucher vollzieht sich eine Transformation, bis das Andere, in alchemistischen Worten ausgedrückt, die Gold-Natur im Körper alle Zellen des Körpers wiederbelebt. Der Geist hat sich vom Körperbewusstsein getrennt. Nicht der Geist stützt sich auf den Körper, sondern der Körper ist nunmehr abhängig vom Geist. Er kann den Körper erneuern oder aufheben. Der Transformierte erlebt die Schöpfung ohne Referenz zu Raum noch Zeit. Seine Augen sind sehend geworden. Er erlebt das geschaffene und noch nicht geschaffene Sein als untrennbar von sich. Er gehört ab jetzt zu dem Reich „derjenigen, die da sind“.

Sven Henkler: Wie Sie es eben mit anderen Worten beschrieben haben, lässt sich abschließend sagen: Man kann nicht fliegen lernen, wenn man nicht schon Flügel zumindest im Ansatz in sich hat.

Heinz Klein: Alle Wege, so sollte man noch einmal betonen, bewegen sich innerhalb und nicht außerhalb der unbegreiflichen Schöpfung.

„Das Netz des Himmels ist groß, alles umfassend,
seine Maschen fesseln nicht,
und doch geht nichts verloren.“ (Laotse: Tao Te King, Vers 73)

Sven Henkler: Vielen Dank für die aufklärenden Worte, die nach meiner Meinung als Wegweiser dienen können.

Literaturhinweise:

              

Sven Henkler

Sven Henkler

Sven Henkler, Jahrgang 1975, ist als Verleger und freier Autor tätig. Sein Interesse gilt seit Jahren der Mythenforschung.
Buchveröffentlichungen beim Verlag Zeitenwende (www.verlag-zeitenwende.de):
- Die Zeit der Wiederkehr (1999, vergriffen)
- Das Wilde Heer (1. Auflage 2000, erweiterte Neuauflage 2010)
- Mythos Tier - Geschichte und Mythologie einer ewigen Verbindung (2001, vergriffen)
- Urstoff Wasser - Mythisches Element des Lebens (2004, 2. Auflage 2006)
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Autor: Sven Henkler

Sven Henkler, Jahrgang 1975, ist als Verleger und freier Autor tätig. Sein Interesse gilt seit Jahren der Mythenforschung. Buchveröffentlichungen beim Verlag Zeitenwende (www.verlag-zeitenwende.de): - Die Zeit der Wiederkehr (1999, vergriffen) - Das Wilde Heer (1. Auflage 2000, erweiterte Neuauflage 2010) - Mythos Tier - Geschichte und Mythologie einer ewigen Verbindung (2001, vergriffen) - Urstoff Wasser - Mythisches Element des Lebens (2004, 2. Auflage 2006)

Ein Kommentar

  1. Mir ist das Buch von Heinz Klein, “Sein eigener Meister und Schüler” erst jetzt in die Hände gelegt worden. Auf der Suche nach einem persönlichen Kennenlernen mit dem Autor bin ich auf ihrer Website gelandet. Ich werde mir jetzt auch das Buch “Die Magie vom Weniger werden” bei ihnen kaufen. Vielleicht gibt es mir einige Antworten auf meine Fragen.
    Trotzdem würde ich mich freuen, wenn Sie mir die e-mail-adresse von Herrn Heinz Klein mitteilen könnten. Git es noch weitere Interviews von Ihnen mit Heinz Klein?
    Mit freundlichen Grüßen
    Gudrun Ananda Jakob

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