Märchen/Märchendeutung Transformation

Der Dunkle Kristall – eine fantasievolle Reise des Helden

Der Film „Der Dunkle Kristall“ aus dem Jahre 1982 spielt in einer anderen Welt und einer anderen Zeit, einem Zeitalter voller Wunder. Aus verschiedensten Gründen besitzt dieser Film bis heute eine feste Fangemeinde: sei es die richtungsweisende Herstellung, der Einsatz der Techniker, Puppenspieler und -designer und nicht zuletzt die Handlung und die darin enthaltene philosophische Gedankenwelt.

Nachfolgend unternehme ich den Versuch, die in den 22 Großen Arkana des Tarot enthaltene archetypische Reise des Helden auf die Geschichte und die Charaktere des „Dunklen Kristalls“ zu übertragen.

Ich kann jedem nur ans Herz legen, sich den Film einmal anzusehen und nicht zuletzt auch die auf der DVD- bzw. BluRay-Edition enthaltene Dokumentation über seine Entstehung, es lohnt sich wirklich!

Es gibt leider keine mir bekannte, umfassende deutschsprachige Filmseite, aber ein paar weiterführende Verweise auf (englischsprachige) Seiten möchte ich angeben, schon allein wegen der Bilder dort, die einen kleinen Einblick geben, mit welcher liebevollen Arbeit Jim Henson und all die anderen Beteiligten diese detailreiche Welt – mit Handwerk und Körpereinsatz, ganz ohne Computer – erschaffen haben:

Die für die folgenden Überlegungen verwendeten Quellen sind:

  • Der Dunkle Kristall (Film, Jim Henson, Anniversary-Edition DVD 2007)
  • Der Dunkle Kristall (Roman zum Film, A.C.H. Smith, Heyne 1983)
  • The World of the Dark Crystal (Begleitbuch mit vielen Informationen über die Welt und seine Bewohner, Brian Froud, Abramsbooks, Neuauflage von 2003)
  • Tarot und der Lebensweg des Menschen – die Reise des Helden als mythologischer Schlüssel (Hajo Banzhaf, Kailash, Neuauflage von 2005)

Zu Beginn sei zunächst etwas von dieser anderen Welt und der Vorgeschichte der bald beginnenden Reise erzählt.

Eine andere Welt…

Eine andere Welt, eine andere Zeit. Ein Zeitalter der Wunder. Vor tausend Jahren war dieses Land grün und fruchtbar, bis der Kristall zerbarst und ein Stück verloren ging. Ein einzelner kleiner Splitter des Dunklen Kristalls. Damit begann eine Zeit der Zwietracht und des Unfriedens und zwei neue Rassen erschienen: die grausamen Skekse und die sanftmütigen urRu
– Einleitung aus dem Film „Der Dunkle Kristall“

Die Welt Thra besitzt drei Sonnen. Alle tausend Jahre vereinigen sich diese in der Großen Konjunktion und scheinen wie eine Sonne. Große Veränderungen hatte dies in der Vergangenheit jeweils bedeutet. Vor eintausend Jahren versuchte die Rasse der urSkek die Macht des reinen Kristalls zu nutzen, um sich von allem Bösen ihres Wesens zu befreien. Die Dreiersonne schien dabei auf den Kristall hinab, der – von Feuer und Luft getragen – über einem tiefen Schacht schwebt. Doch die urSkek hatten nicht verstanden, daß sie nur ganz sind, wenn sie alle Aspekte ihres Selbst annehmen. Und die Transformation mißlang, die urSkek wanderten durch das vom Kristall gebrochene Licht der Dreiersonne hindurch – doch anstelle der erhofften Katharsis wurden gespaltene Wesen aus ihnen.

Fortan gab es keine urSkek mehr, nur noch die weisen, aber passiven urRu und die grausamen und herrschsüchtigen Skekse. Vor Wut und Zorn darüber, daß sie um den Erfolg ihres Experiments betrogen wurden, hieben die Skekse auf den Kristall ein und schlugen dabei einen Splitter heraus. In diesem Moment verdunkelte sich der Kristall.

Die urRu zogen sich in ein abgelegenes Tal zurück und gingen ihren Philosophien, Meditationen, Gedanken und Künsten nach, während die Skekse in der Burg des Dunklen Kristalls ihre Schreckensherrschaft über das Land antraten.

Sie lernten, dem Land und den Sonnen mithilfe des Dunklen Kristalls Lebenskraft zu entziehen, um ihr Leben zu verlängern. Und sie jagten und töteten Gelflinge. Die Gelflinge waren jenes Volk, das nach einer Prophezeiung den Kristall dereinst wieder heilen würde und damit der Herrschaft der Skekse ein Ende bereiten würde. Deshalb sandten die Skekse die von ihnen erschaffenen Garthim (große, seelenlose, krustentierartige Kreaturen) aus und alle Gelflinge wurden über die Jahre ausgerottet.

Nur einer überlebte, unser Held Jen, der von dem weisesten der urRu gerettet und aufgezogen wurde. Und nun naht eine neue Große Konjunktion und damit der Zeitpunkt, in dem die Welt geheilt werden oder endgültig der Herrschaft des Bösen anheim fallen wird…

Die Reise des Helden

Die Geschichte beginnt damit, daß Jen im Tal der urRu auf seiner Flöte spielt und seinen Gedanken nachhängt. Er wünscht sich sehnsüchtig, er würde einmal andere Wesen treffen, die so sind wie er – Gelfling. Doch auch jenseits des Tals soll es keine mehr geben. In jenem Land, in dem er noch nie war… sein ganzes Leben lang hatte er nur bei den urRu gelebt, sie hatten sich um ihn gekümmert und ihn großgezogen. Das war nicht immer einfach für ihn, denn die urRu waren so ganz anders als er. Aber sie waren stets voller Geduld und Güte.

Der Tageslauf der Sonne

Jen weiß zu diesem Zeitpunkt so gut wie nichts über die Welt dort draußen. Er weiß nichts über den Dunklen Kristall, nichts von der Prophezeiung. Wohlbehütet war er sein Leben lang in diesem friedlichen, abgeschiedenen Tal, weit von der Burg der Skekse entfernt. Er verkörpert damit den archetypischen Narren: mit reinem Herzen, aber völlig ahnungslos, naiv und nicht ahnend, was ihm in nächster Zeit alles widerfahren wird und welche Aufgaben es für ihn zu bestehen gilt.

Das Tal der urRu und die Natur darin entsprechen der Herrscherin. Die urRu verkörpern den anderen Teil der irdischen Eltern, den Herrscher. Beide sorgten mit ihren Gaben und ihrer Führung dafür, daß Jen in Ruhe und Frieden aufwachsen konnte.

Die urRu und insbesondere urSu, Jens Meister, übernehmen in der Geschichte gleichzeitig die Rolle des Hierophanten, jener Person, die für die Erziehung des Helden, seine Vorbereitung auf die Welt jenseits seiner Kindheit zuständig ist.

Als ein schwerer Sturm aufzieht, wird Jen zu seinem Meister urSu gerufen, der bereits im Sterben liegt. Er erklärt mit dünner, aber dennoch gewichtiger Stimme, daß die Dreiersonne bald wieder wie eine Sonne scheinen würde, daß er in großer Gefahr sei und daß er den Splitter des Kristalls finden müsse, um die Welt zu retten. Dieser Splitter würde gehütet werden von Aughra, die im Besitz aller Geheimnisse sei…

Jen ist verwirrt und voller Sorge um seinen Meister. urSu gibt zu, daß er Jen vieles, das mit der Prophezeiung zusammenhängt, vor langer Zeit schon hätte erklären sollen und es nun allein in Jens Händen liegt. Mit den Worten, „Vergiß micht nicht Jen! In einem anderen Leben mögen wir uns wiedersehen, aber nicht noch einmal in diesem Leben…“, verstummt urSu und löst sich langsam vollständig auf, während gleichzeitig nach einem letzten Tobsuchtsanfall der Körper des eben verstorbenen Imperators der Skekse in der Burg des Kristalls zerfällt.

Dieser Moment, in dem Jen von urSu seine Aufgabe, die Welt zu einen, erfährt, wird durch die Karte Die Liebenden repräsentiert. In einem persönlicheren Kontext stehen die Liebenden ebenso für Jens Sehnsucht nach einem Wesen seiner Art.

Und so befindet sich Jen wenig später am Scheideweg, als er noch einmal zurückblickt in das Tal seiner Jugend und Meister, bevor er sich aufmacht, in die Welt hinauszuziehen, um seine Aufgabe zu erfüllen.

Eigentlich bin ich noch nicht soweit,
um allein in die Welt zu ziehen…
Aber gut, ich werde es tun!
– Jen

In diesem Augenblick macht er sich nun wahrhaft auf, seine Reise zu Aughra anzutreten und er steht somit im Zeichen des Wagens – dem Aufbruch des Helden.

Er folgt der größeren Sonne einen Tag lang und gelangt schließlich zu Aughra, die einsam und abgeschieden auf einem Hochkegel in ihrem Planetarium den Lauf der Gestirne beobachtet und darauf wartet, daß die nächste Große Konjunktion eintritt.

Während dieser Wanderung und dem anstrengenden Aufstieg zum Hochkegel beginnt Jen langsam damit, sich mit der Welt, in die er hinausgetreten ist, zu befassen. Eine nicht sehr deutliche, aber doch vorhandene Entsprechung der Karte Gerechtigkeit.

Zwischenzeitlich entbrennt bei den Skeksen ein Streit um die Thronnachfolge. Der Kammerherr und der Garthim-Meister treten im Zweikampf gegeneinander an und letzterer tritt als Sieger aus diesem hervor. Der Kammerherr wird daraufhin verbannt und muß die Burg verlassen. Er folgt heimlich den Garthim, die soeben ausgeschickt wurden, um einen Gelfling zu töten. Jener Gelfling ist niemand anderes als Jen, der beim Klettern von einer Kristallfledermaus, einem Kundschafter der Skekse, entdeckt worden ist.

Aughra ist der Eremit der Geschichte. Ein Wesen, das die Essenz der Welt verkörpert. Sie ist die einzige ihrer Art – geschaffen, um Augen für Erde und Bäume zu sein. Sie hatte die letzte Große Konjunktion beobachtet und dafür ein Auge dafür geopfert.

Aughra übergibt Jen eine Schachtel mit vielen Kristallsplittern. Zunächst ratlos steht unser Held vor dem Scherbenhaufen: „Aber welcher ist es?“ Er beginnt sie zu ordnen, das Bild des Splitters vor Augen, das ihm sein Meister gezeigt hatte. So kann er die Auswahl auf drei Splitter eingrenzen, die sich einander aber so stark ähneln, daß er sich für keinen ruhigen Gewissens entscheiden kann. Schließlich geht er in sich – ein weiteres Symbol des Eremiten – und erinnert sich an die Gesänge seiner Meister, die bestimmte Schwingungen verursachten. Er stimmt in diese mit seiner Flöte ein – und einer der Splitter beginnt optisch und akustisch zu antworten. Jen hat den Splitter gefunden. Aber er weiß nicht, was er nun mit ihm tun muß. Aughra weiß es, aber in diesem Moment brechen die abscheulichen Garthim durch die Wand des Planetariums.

Nur durch schnelle Reaktion ist es Jen möglich, dem Chaos, das die Garthim im Planetarium anrichten, zu entkommen. Er stürzt durch die Wand und fällt und rutscht und fällt Abhang um Abhang hinunter, bis an den Fuß des Hochkegels. Erschöpft blickt er nach oben und sieht, wie das Planetarium in Flammen aufgeht. Von Aughra keine Spur…

Die untergehende Sonne

Es ist nun dunkle Nacht und Jen geht einem ungewissen Ziel entgegen, nur erstmal weg von hier, weg von den Garthim. Weder kennt er den Sumpf, den er gerade betritt, noch konnte er erfahren, was er nun mit dem Splitter des Kristalls tun muß.

Mit dem Fall vom Planetarium hinab in das Ungewisse der Nacht beginnt für Jen im doppelten Sinne der Abstieg in die Dunkelheit. Im symbolischen Verlauf des Sonnenweges entspricht dies dem Niedergang im Westen, dargestellt durch das Rad des Schicksals. Allein und ohne Wissen, was als nächstes zu tun ist, ja in welche Richtung er gehen muß, begibt er sich in die Dunkelheit, in wahrhaft unbekannte Gefilde.

Durch das Auftauchen der Garthim ist es für ihn nun schmerzliche Gewißheit geworden, daß hinter seiner Berufung etwas Wichtiges steht und daß er dadurch unmittelbaren Gefahren ausgesetzt sein kann.

Heimlich und in gewisser Weise entzückt, folgt der Kammerherr Jen.

Am anderen Morgen wandert Jen weiter durch den fremden Sumpf voller seltsamer und exotischer Tiere, Pflanzen und Mischformen selbiger. Da entdeckt er eine merkwürdig vertraut erscheinende Fußspur. Plötzlich wird er von einem kleinen hundeartigen, pelzigen Wollknäuel mit scharfen Zähnen angefaucht und angebellt und gerät vor Schreck rücklings in ein Sumpfloch. Da löst sich aus dem Hintergrund eine Gestalt. Sie zieht die Kapuze ihrer Kutte zurück und Jen sieht – eine Gelfingfrau. Beide sind erstaunt und erfreut.

Kira, so der Name seiner künftigen Gefährtin, beruhigt zunächst das kleine pelzige Wesen, ihren treuen Begleiter Fizzgig und will dann Jen aus seinem schlammigen Schlamassel heraushelfen. Doch als sich ihre Hände berühren, beginnen ihre Seelen miteinander zu sprechen und beide teilen ihre Erinnerungen miteinander. Sie sehen Bilder aus frühesten Kindertagen, als sie noch bei ihresgleichen lebten – bis die Garthim kamen. Kira sieht, wie Jen von den urRu in Obhut genommen wurde und Jen erfährt, wie Kira von ihrer Mutter bei einem Überfall der Garthim unter einer Baumwurzel versteckt wurde und wie sie danach von den Podlingern, einem einfachen Bauernvolk, entdeckt und aufgenommen wurde.

Beide erlebten eine recht unbeschwerte Kindheit und liebten ihre neuen Familien, aber beide wußten innerlich, daß sie irgendwann ein Wesen finden müßten, das so ist wie sie…

Kira darf auf metaphysischer Ebene als die Anima von Jen angesehen werden. Sie ist auf der Ebene des Unbewußten der weibliche Teil von Jen, wie auch umgekehrt Jen Kiras männlichem Teil, ihrem Animus, entspricht. Beide sind im übertragenen Sinn zwei Hälften derselben Person. Die sehr ähnlichen Erlebnisse in ihrer Kindheit deuten dies zusätzlich an. Die Begegnung zwischen den beiden vollzieht sich somit im Bild der Kraft, wenn auch Anima und Animus in ihrem Fall keine größeren Spannungen mehr zwischen sich austragen müssen und nahezu von Beginn an im Einklang miteinander stehen. Das Gespräch zwischen ihren Seelen hatte dazu sicherlich einigen Anteil daran.

Jen und Kira – und natürlich Fizzgig – setzen gemeinsam ihren Weg fort, von dem Jen noch immer nicht weiß, wohin er ihn führen wird. Unterwegs werden sie erneut von einer Kristallfledermaus entdeckt, die von den Skeksen ausgeschickt worden ist, um den ihnen entkommenen Gelfling ausfindig zu machen. Kira kann die Fledermaus zwar mit einer Schleuder vom Himmel holen, aber diese konnte noch ein Bild von den beiden an ihre Herren übertragen. Gegen Abend gelangen sie in das Dorf der Podlinge, Kiras Heimatdorf. Die Podlinge sind ein einfaches bäuerliches Volk, von der Gestalt noch kleiner als die Gelflinge. Es wird gesungen, getanzt und gelacht. Die große allabendliche Feier ist bereits im Gange…. die ein jähes Ende nimmt, als Garthim hereinbrechen und Jagd auf Podlinge machen – die Skekse benötigen neue Sklaven. Jen und Kira können entkommen, werden dabei aber von einem Garthim entdeckt, der sogleich die Verfolgung aufnimmt. Jedoch wird dieser durch den Kammerherrn aufgehalten, der ihn zur Umkehr bewegt. Der Kammerherr verfolgt seinen eigenen Plan und will nicht, daß ein hirnloser Garthim ihn durchkreuzt… Jen und Kira flüchten indes tief in den Wald hinein.

Der Nachtbogen der Sonne

Hier nun sind wir wohl an einem der Tiefpunkte der Geschichte angelangt. Nach wie vor weiß Jen nicht, was er mit dem Splitter tun muß. Sein Arm wurde von einem Garthim verletzt und schmerzt stark. Er ist verzweifelt, ja er fühlt sich schuldig am Schicksal der Podlinge, schuldig am Auftauchen der Garthim. Verzweifelt und voller Wut, wirft er den Splitter von sich. Jen ist nun an der Station des Gehängten angekommen, jener Situation des Erstarrens, der Stagnation, des Sich-im-Kreise-Drehens, der großen Krise.

Kira versucht, Jen zu trösten und zu beruhigen und beide schlafen schließlich erschöpft dicht an dicht ein. Jener Schlaf kann symbolisch als der Tod verstanden werden, der unseren Helden aus dem Hängezustand des Gehängten befreit. Eine Überwindung des eigenen Egos vollzieht sich, in dem Jen begreift, daß er nicht für alles in der Welt verantwortlich sein kann und nicht an Tod und Verschleppung der Podlinger Schuld hat. Kira – der weibliche Teil seiner Selbst – hat ihm auf dem Weg zu dieser Erkenntnis geholfen.

Geläutert erwacht er aus einem erholsamen Schlaf und findet seinen Kopf in Kiras Schoß wieder. Im Lichte des Tages entdeckt er nun, daß sie am Rande von Ruinen genächtigt haben. Ruinen, welche ihre Vorfahren hinterlassen haben. Einem inneren Drang folgend, betritt Jen die verfallenen Gebäude, Kira nimmt ihren Mut zusammen und begleitet ihn, zuvor noch den Kristallsplitter aufhebend. Sie staunen ehrfürchtig über die Kultur ihrer Ahnen und spüren eine Vertrautheit, die sie nie zuvor kannten. Kira läßt sich auf einem kunstvollen Thron nieder, der wie für sie geschaffen scheint, während Jen an einer Wand Inschriften und Bilder entdeckt, die eine Geschichte erzählen.

Es ist die Geschichte seines Volkes, seiner Welt, als auch die Geschichte des Kristalls, der urSkek, der Großen Konjunktion, der Skekse und urRu – und er liest die Worte der Prophezeiung:

Wenn die Dreiersonne als eine scheint,
wird was zerbrochen war und geteilt
wieder vereint sein und für immer geheilt
allein durch Gelfling Hand,
durch niemand anders im ganzen Land.
– die Prophezeiung

Die Worte seines Meisters kommen ihn beim Anblick der Bilder wieder in den Sinn: „Heile die Wunde am Wesen des Seins!“ Und er begreift nun, was zu tun ist, was seine Aufgabe ist – allein durch Gelfing Hand. Er muß den Dunklen Kristall heilen!

In diesem Moment erscheint der Kammerherr und bittet die beiden Gelflinge, mit ihm zur Burg zu kommen, um, wie er behauptet, endlich Frieden zwischen Skekse und Gelfingen zu schließen. Er habe genug vom Töten und Angst, ja die Skekse haben Angst, fürchten sich vor Gelflingen, wegen der Prophezeiung. All dies verrät er Jen und Kira und will ihnen glauben machen, daß er aus diesem Grund verbannt wurde, aber wieder zurückkehren dürfe, wenn er den anderen Skeksen zeige, daß sie keine Angst vor Gelflingen haben brauchen. Jen läßt sich beinahe von dem Skeks einlullen, aber Kira reißt ihn aus der Starre und beide fliehen. Zurück bleibt mit herunterhängendem Kopf und flehenden Bittrufen der Kammerherr…

Nun ist Jen entschlossen, das Nötige zu tun. Er muß zur Burg! Kira ruft Windstelzer herbei, große katzenartige Kreaturen mit vier langen, dünnen Beinen. Kira steigt als erste auf, Jen schaut zur ihr auf und sagt: „Aber Du mußt nicht mitkommen.“ Kira lächelt und sagt nur „Ich weiß.“ In Kiras Entschluß, nicht von Jens Seite zu weichen und dem anschließenden Ritt findet sich nochmals eine Entsprechung zur Kraft.

So reiten sie gemeinsam in Windeseile zum Kastell der Skekse. Dort sehen sie, wie eine Kolonne Garthim gerade die Burg betreten will – auf ihren Rücken tragen sie einen Weidenkorb voller verängstigter Podlinger: die Bewohner von Kiras Dorf. Kira und Jen greifen die Kolonne im Galopp an, schaffen es, die Podlinge zu befreien, aber selbst die Windstelzer müssen sich der Übermacht geschlagen geben. An den Rand des tiefen Burggrabens gedrängt, wähnt Jen schon ihren Untergang gekommen, da breitet Kira ihre Flügel aus und beide sinken im Gleitflug hinab auf den Boden des Grabens. Verdutzt schaut Jen Kira an, denn er hat keine Flügel. „Natürlich nicht, Du bist ein Junge.“, antwortet sie nur.

Durch einen unbewachten Tunneleingang gelangen die beiden vom Grund des Burggrabens aus in die feuchten, nach Tod stinkenden Untergeschosse des Schlosses. Dort stoßen sie abermals auf den Kammerherrn, der sie wieder mit seinem „Friedensplan“ hinters Licht führen will. Aber sie durchschauen seine List, doch bekommt er Kira mit seinen Krallen zu fassen. Jen sticht mit dem Kristallsplitter eine blutende Wunde in die Hand des Kammerherrn, der schmerzvoll aufschreit.

Zeitgleich öffnet sich in der Hand von urSol, des Sängers der urRu, ebenfalls eine blutende Wunde, auch er stöhnt vor Schmerz. Die urRu hatten sich mittlerweile auf den Weg zur Burg gemacht, um im Moment der nun in Bälde stattfindenden Großen Konjunktion eine Geburt oder den Tod in der Kammer des Dunklen Kristalls zu erleben.

Wütend vor Schmerz reißt der Kammerherr einen Stützbalken von der Decke herab, woraufhin Steine und Schutt auf Jen niederregnen und in verschütten. Kira wird vom Kammerherrn mitgeschleift, Fizzigg will nicht von ihrer Seite weichen, heult und bellt, aber sie befiehlt ihm, bei Jen zu bleiben.

Der Kammerherr führt triumphierend seine Gefangene den anderen Skeksen vor. Als Belohnung für seine Tat erhält er vom Garthim-Meister seine Insignien und seinen alten Rang zurück. Kira wird skekTek, dem Wissenschaftler, übergeben, damit er ihr Vliya, ihr Lebenselexier entziehen und es dem Imperator als Trank reichen kann.

Aughra wird ebenso in der „Kammer des Lebens“, dem Labor von skekTek, gefangen gehalten, wie unzählige Tiere, die als Experimentierobjekte dienen. Kira wird auf einem Stuhl fixiert und mittels eines Prismas lenkt der grausame Wissenschaftler den violetten Strahl des Dunklen Kristalls aus dem Schacht auf Kira. Augenblicklich beginnt der Entzug ihrer Lebensenergie. Kira kämpft verzweifelt dagegen an, ist aber chancenlos.

Jen hat den Deckeneinsturz überlebt und versucht, sich von Stein und Geröll zu befreien und spürt, daß mit Kira etwas schlimmes geschieht. Er ruft sie, sie solle sich wehren, was Kira spürt. Aughra fordert sie auf, die Tiere um Hilfe zu rufen.

Aughra übernimmt hier die Rolle eines Seelenführers, repräsentiert durch die Mäßigkeit, indem sie Kira an ihre eigenen inneren Fähigkeiten erinnert. Als Gelfling hat Kira die Gabe, mit Tieren zu sprechen.

Kira beginnt mit ihren verzweifelten Hilferufen und mehr und mehr Tiere reagieren und befreien sich aus ihren Käfigen und bedrängen skekTek, ihren jahrelangen Peiniger, der hilflos um sich schlagend in den Schacht des Kristalls, hinunter in die Tiefe stürzt und schließlich in der Lava am Grund des Schachts sein Ende findet.

Die urRu haben die Burg des Dunklen Kristalls schon beinahe erreicht, als urplötzlich urTih, der Alchimist, in Flammen aufgeht und binnen Sekunden nichts als Asche von ihm zurückbleibt.

Die Große Konjunktion steht nun kurz bevor…

Jen irrt indes durch die Untergeschosse der Burg. Unvermittelt stürzt er hinab in eine schwarze, dunkle Grube. Zu seinem Schrecken bemerkt er, daß die Grube voller Garthim ist, die durch seine Präsenz erwachen. Einen sichtbaren Ausgang gibt es nicht, das Loch in der Decke ist zu hoch, um es schnell genug zu erreichen. Schon kommen die Garthim bedrohlich näher…

In diesem Moment sieht sich Jen dem Teufel gegenüber, seinen ureigensten Ängsten. Er fürchtete sich immer schon vor der Dunkelheit, nun steckt er in einer dunklen Grube fest – zusammen mit jenen Monstern, die ihm schon mehrfach nach dem Leben trachteten. Er weiß auch nicht, ob Kira überhaupt noch lebt. Schlimmer kann es nicht mehr werden. Doch Jen kämpft verbissen um sein nacktes Überleben. Blindlings hieben die Garthim auf ihn ein und hacken bei einem verfehlten Schlag mit ungestümer Gewalt ein Loch in die Wand, durch das Jen gerade noch entkommen kann. Er befindet sich im Schacht des Dunklen Kristalls! Tief unter ihm lodert der Feuersee, während hoch über ihm in weinroter Farbe der Dunkle Kristall schwebt. Zum ersten Mal sieht er das Ziel seiner Reise. Er hat es fast geschafft.

Der Anblick des Dunklen Kristalls findet seine Entsprechung im Stern. Er steht für einen Einblick in das kosmische Gesetz, das letztlich eine erfreuliche Zukunft verheißt – sofern die Aufgabe zuendegebracht wird. Jen schöpft neue Hoffnung.

Kira und Jen treffen sich just in dem Moment in der Kammer der Dunklen Kristalls wieder, als auch die Skekse triumphierend einmarschieren, um die Zeremonie der Großen Konjunktion zu begehen, die ihre Herrschaft für weitere tausend Jahre sichern würde.

Jen springt von einem Balkon über den Abgrund hinweg und landet auf dem Kristall, verliert beim Aufprall aber den Splitter, der direkt vor den Skeksen landet. Kira gleitet mit ihren Flügeln zum Splitter hinab, hebt ihn auf und hält ihn den Skeksen entgegen, die drohend aber auch ängstlich näherkommen. Sie gibt nichts auf die Versprechungen der Skekse, beide laufen zu lassen, wenn sie den Splitter erhalten und wirft Jen den Splitter zu – im gleichen Moment wird sie durch den Dolch des Ritualmeisters niedergestochen und stirbt…

Kiras Opfergang steht im Zeichen des Mondes. Der Mond repräsentiert die heimtückischen Gefahren, die Gratwanderung, die es zu bestehen gilt, kurz vor der Erreichung des Ziels. Sie hat es ermöglicht, daß Jen seine Aufgabe vollenden kann.

Panisch müssen die Skekse mit ansehen, wie die drei Sonnen nun wie eine große Sonne scheinen und ihr Licht durch die Öffnung im Dach des Schlosses auf den Kristall fällt – die Große Konjunktion ist gekommen! Jen steckt den Splitter in den Kristall und mit einem ohrenbetäubenden Donnern blitzt dieser auf und erstrahlt wieder in reinstem Weiß. Es ist dies der Moment des Gerichts, der Heilung, der Erlösung. Die Prophezeiung hat sich erfüllt, die Wunde am Wesen des Seins ist nun geheilt.

Durch das Licht und die Schwingungen des Reinen Kristalls brechen die von den Skeksen verdunkelten Mauern der Burg auf und geben den Blick frei auf die darunterliegenden hellen Kristallstrukturen, das eigentliche Berggestein, aus dem das Schloß einst herausgehauen wurde. Von der höchsten Spitze bis zur Basis der Burg brechen Schuttteile hinunter. Unschwer ist hierin der Turm zu erkennen, das in diesem Fall wortwörtliche Aufbrechen der alten Ordnung, die nun weichen muß, um Platz zu machen für die neue Welt.

Die urRu betreten die Kammer des nun wieder hellen Kristalls und stellen sich in einem Kreis um ihn herum auf. Das Licht der Dreiersonne bricht sich im Kristall und gebündelte weiße Strahlen fallen auf die urRu, durchdringen sie und erreichen die Skekse, die sich nicht wehren können und unaufhaltsam zu ihrem anderen Wesensteil, den urRu hingezogen werden. Schließlich vereinigen sich beide wieder und erstmals seit langer, langer Zeit treten so die wiedervereinten urSkek als halbdurchsichtige Lichtwesen in Erscheinung.

Die Wiedervereinigung von Skekse und urRu erscheint – durch die Große Konjunktion sogar direkt sichtbar – unter dem Bild der Sonne, die für Versöhnung steht. Die feindlichen gespaltenen Brüder sind nun wieder geeint und wissen nun dank der gewonnenen tieferen Einsicht in die kosmischen Zusammenhänge um ihren Fehler, den sie begangen hatten.

Einer der urSkek klärt Jen, der traurig die tote Kira in seinen Armen hält, auf, daß sie seinerzeit durch Überheblichkeit und Größenwahn den Kristall zerbrochen und die Welt ins Dunkel versetzt hätten. Durch den Mut und die Opferbereitschaft von Jen und Kira konnte das Heil nun wiederhergestellt werden. Der urSkek lenkt einen Lichtstrahl des Kristalls auf Kira, die daraufhin wieder zu leben beginnt.

Halte sie fest! Sie ist ein Teil von Dir.
Wie wir alle ein Teil voneinander sind…
Nun überlassen wir euch den Kristall der Wahrheit.
In seinem Licht baut euch eure Welt!
– die letzten Worte der urSkek vor ihrer Auffahrt

Diese neue Welt ist das erreichte Ziel, die Belohnung für alle Mühen. Um viele Erfahrungen und um einiges Wissen reicher, blicken Jen und Kira nun hinaus in eine frisch wieder erblühte, lebendige und farbenfrohe Landschaft.

Schlußgedanken

Die Geschichte von Jen entspricht auf wundersamer Weise der archetypischen Reise des Helden, die sich in den 22 Großen Arkana des Tarot wiederspiegelt. Ob zufällig oder zumindest teilweise beabsichtigt, kann nicht genau gesagt werden.

Der aufmerksame und kundige Leser wird bemerkt haben, daß die Tarotkarten „I Der Magier“ und „II Die Hohepriesterin“ in meiner Betrachtung fehlten. Dies hat seinen Grund. Es fiel mir nicht leicht, für diese beiden Karten – welche die himmlischen Eltern des Helden darstellen – eine Entsprechung zu finden. Aber „zufällig“ traf ich 2008, in dem Jahr in dem ich diesen Text ursprünglich verfasste, in den Weiten des Weltennetzes auf eine verwandte Seele, welche sich mit ganz ähnlichen Fragen beschäftigte und so wie ich von dem „Dunklen Kristall“ fasziniert war und der ich an dieser Stelle herzlich danke. Mit ihrer Hilfe war ich zu folgender Interpretation gelangt:

Der Magier wird durch die drei Sonnen repräsentiert, die Hohepriesterin durch den Kristall. Beiden entspringt Energie für das Leben auf Thra. Die Sonnen geben die äußerliche Kraft und der Kristall erfüllt auf eine Art die innere Welt mit Leben. Auch die Entsprechungen der in beiden vorhandenen Dualität (Magier/Hohepriesterin, männlich/weiblich, Tag/Nacht, Sonne/Mond, aktiv/passiv) passen gut hierzu.

Die Sonnen scheinen aktiv bei Tag auf den Kristall hinab. Dieser ruht passiv in einer dunklen Kammer und empfängt die Energie der Sonnen, transformiert diese Energie und gibt sie an die Welt ab. Im übertragenen Sinne ist die Welt an sich ihr gemeinsames Kind, im Sinne unserer Geschichte ist es Jen. Es findet hier also eine himmlische Hochzeit statt zwischen den Sonnen und dem Kristall, zum Zeitpunkt der Großen Konjunktion, wenn drei wie eine scheinen. Aus beiden – Sonne (1) und Kristall (2) – entsteht etwas Drittes, etwas Neues – die Drei ist die Zahl der Ganzheit. Und Jen ist es schließlich, der die Welt wieder vereint, die Ganzheit wiederherstellt.

Wer sich mit den Tarotkarten-Aspekten näher befassen will, dem sei das bereits erwähnte Buch von Hajo Banzhaf empfohlen, der leider zwischenzeitlich verstorben ist. Nähere Informationen finden sich auf seiner Internetseite.

Am Ende möchte noch eine tabellarische Übersicht geben, in der ich kurz alle Kartenentsprechungen aufgeführt habe.

Tarotkarte Entsprechung im Dunklen Kristall
0 Der Narr Jen
I Der Magier die drei Sonnen
II Die Hohepriesterin der Kristall
III Die Herrscherin die Natur im Tal der urRu
IV Der Herrscher die urRu
V Der Hierophant die urRu, urSu als Jens Meister im besonderen
VI Die Liebenden Jens Quest: Heile die Wunde am Wesen des Seins.
auf persönlicher Ebene: Jen muß ein Wesen finden, daß so ist wie er
VII Der Wagen Jens Aufbruch in die Welt
VIII Gerechtigkeit Jens Wanderung zu Aughra
IX Der Eremit Aughra
X Rad des Schicksals Sturz hinab von Aughras Hochkegel in den nächtlichen Sumpf
XI Kraft Jen und Kiras Begegnung, Kira als Anima von Jen.
Kiras Entschluss, Jen zur Burg zu begleiten, der Ritt auf den Windstelzern
XII Der Gehängte Jens Wut und Verweiflung nach dem Überfall auf das Podlingdorf
XIII Der Tod Jen und Kira schlafen nach ihrer Flucht
XIV Mässigkeit Aughra hilft als Seelenführer Kira in der Kammer des Lebens
XV Der Teufel Jen ist allein in der finsterern Garthim-Grube
XVI Der Turm die Burg des Kristalls wird wieder hell
XVII Der Stern Jen erblickt zum ersten Mal den Dunklen Kristall
XVIII Der Mond Kiras Opfertod
XIX Die Sonne die Wiedervereinigung von Skeksen und urRu
XX Gericht die Heilung des Kristalls
XXI Die Welt die neu erblühte, geeinte Welt

„Der Dunkle Kristall“, darin auftauchende Charaktere, Namen und weitere Bezüge sind Eigentum der „Jim Henson Company“.

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