Gespräche Metaphysik Transformation

Die Befreiung des Geistes im Jetzt

Heinz Klein (übersetzte Laotses Tao Te King neu) im Gespräch unter anderem darüber, warum ein wahrhaft spirituell Suchender seinen Geist von allen vergangenheitsbezogenen Bewusstseinsfeldern, von jeglichen kulturellen, religiösen und sozialen Bindungen lösen muss, um die Gegenwart des universellen Geistes erfahren zu können.

Sven Henkler: Herr Klein, Sie sprechen in Ihren Texten häufiger vom direkten und indirekten Weg. Können Sie den Unterschied zwischen beiden Wegen etwas näher erklären?

Heinz Klein: Generell muss man vorausschicken, dass jeder, der in dieser Welt der Polarität inkarniert, wohl oder übel einem Weg folgen muss, und zwar dem Wandlungsweg. Denn die Evolutionsphasen lassen den Geschöpfen keine andere Wahl als die der Anpassung an die steten Veränderungen. Die Evolutionsgesetze, die sich spiralenförmig weiterentwickeln, bewirken eine langsame Bewusstseinserweiterung. Doch davon darf man keine „großen Wunder“ erwarten. Diesen Weg der fast nicht wahrnehmbaren Bewusstseinserweiterung nennt man den „indirekten Weg“. Der Ausdruck vom „direkten Weg“ kommt aus der tibetischen Tradition. Dieser Einweihungsweg setzte den Adepten weniger mit äußeren, dem Volk unbekannten Göttern in Verbindung, sondern lehrte ihn, die äußeren Götter zu entthronen und die eigene Göttlichkeit wieder zu entdecken.

Sven Henkler: Wenn ich Ihre Erklärung richtig verstanden habe, dann kann man diese Geisteshaltung auch einfach und schlicht Atheismus nennen. Warum dann die Bezeichnung „direkter Weg“?

Heinz Klein: Jeder, der sich von den bisherigen äußeren Göttern innerlich verabschiedet, kennt notwendigerweise eine atheistische Durchgangsphase. Aus diesem Grund lautet das erste Gegenargument im Westen in Bezug auf den Buddhismus: „Die kennen keinen Gott“. Wie alle Vorurteile ist auch diese Meinung eine Halbwahrheit. Sie drückt im Grunde eine emotionale Sperre aus, sich mit dem fremden Weltbild auseinanderzusetzen. Um beim Beispiel Buddha zu bleiben, Er musste sich nicht nur von einem Gott, sondern im Falle Indiens von vielen Göttern trennen, um ohne Umwege den Weg in die Gegenwart eines anderen Seins zu finden.

Sven Henkler: Erlebte der uns historisch bekannte Buddha, genauer gesagt der junge Wandermönch Siddhartha Gotama, ebenfalls eine atheistische Durchgangsphase? Wie kommt es aber, dass er sich selbst nicht zum Gott erhob?

Heinz Klein: Der Name „Buddha“ weist auf jenes entscheidende Ereignis der Erleuchtung hin, welches der Asket Gotama unter dem Bodhi-Baum sitzend erlebte. Diesem Erlebnis ging jedoch die Befreiung seines Geistes von allen Bindungen voraus. Und Erleuchtung drückt aus, dass er nun einem bisher nicht gekannten Bewusstseinsfeld, einem anderen kosmischen Seinsfeld angehörte, in dem es keine Götter gibt, wohl aber die Fülle des wahren Lebens. Bleiben wir weiter beim Beispiel Buddha, so kann man aus seinem Erlebnis schließen, dass die atheistische Durchgangsphase nur sehr kurz anhielt. Daraus folgt: Wenn das Bewusstsein auf allen Ebenen von jeglichen Bindungen kultureller, religiöser und sozialer Art befreit ist, von Bindungen also, die alle vergangenheitsbezogen sind, und das Herz ruhig und rein ist, dann tritt man in die Gegenwart des universellen Geistes, der in und hinter allen Manifestationen weht, sich selbst aber nicht offenbart.

Sven Henkler: Wird dann jeder, der in sich bis zum Urgrund vordringt, folglich Buddhist oder kann er auch Christ bleiben?

Heinz Klein: Buddha ist eine Bezeichnung der Würde, mehr auch nicht. Die historische Person Siddhartha Gotama empfand sich nicht als Buddhist, wie auch der historische Jesus sich nicht als ersten Christen ausgab. Buddha, Laotse oder Jesus gründeten keine Religionen. Sie alle wiesen auf den Weg hin, der im innersten Kern eines Menschen beginnt und ihn in ein Lebensfeld führt, dessen Strukturen sich von denen dieser Welt unterscheiden. Die Religionen, die sich auf diese Wegweiser berufen, sind in der Zeit entstanden, als von der Gegenwart des kosmischen Geist-Feuers nicht mehr übrig war als ein Aschenhäufchen, bestehend aus Erinnerungen. Wer nun ehrfürchtig vor diesen Wegweisern auf die Knie fällt, der bleibt wieder in Verehrung und Anbetung einer historischen Person stecken und wird abgehalten von der Befreiung seines innersten spirituellen Kerns, den er in sich trägt und der sich von dem unfassbaren und unnennbaren Urgrund des Universums nicht unterscheidet. Am deutlichsten drückt dies ein Ausspruch aus den Upanishaden aus: „Wer eine Gottheit verehrt, die verschieden ist vom spirituellen Kern (atma) und sagt: ,Dies ist das eine und ich bin das andere’, der ist kein Weiser, sondern wie ein Tier, das den Göttern nützlich ist.“

Sven Henkler: Aus dem Vorangegangenen schließe ich, dass Sie niemandem raten, sich auf seinem spirituellen Weg irgendeiner Religionsgemeinschaft anzuschließen, die ihre Wurzeln in der Vergangenheit hat. Was bleibt dem Menschen dann in der Jetztzeit als Alternative übrig?

Heinz Klein: Religionen können den Geist des Menschen ohnehin nicht befreien, da sie alle in einem Moralsystem gefangen sind. Moral bezieht sich einerseits auf eine äußere Gottheit, die über das Verhalten der Menschen wacht und bei Vergehen bestraft, und andererseits erlebt sich der Gottesfürchtige stets als Versager. Er tut das Böse, das er gar nicht will. So schreit er förmlich nach Gnade und einem Erlöser. In meinen Augen enthält der religiöse Weg für den Menschen keinen Ausweg. Er nimmt ihm zudem die Möglichkeit, in sich die Urerinnerung an seine ehemalige Teilhabe am nicht polaren Sein wachzurufen. Buddha nennt dieses Wachrufen die Erweckung der Buddhaschaft. Heute, im Jahr 2013, treffen wir aber weder Buddha, Laotse noch Jesus. Wir stehen allein in einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint. In diese konfuse Weltsituation sind wir hineingeboren, und wir können unsere ganze Lebensenergie damit aufbrauchen, dass wir die äußere Welt in Ordnung bringen wollen. Nicht selten jedoch habe ich Menschen getroffen, deren innere Uhr abgelaufen war und die sich gerade im Chaos unserer Zeit von allen Illusionen befreien konnten. Diese Menschen verspürten förmlich Durst nach jener Wirklichkeit, von deren Existenz sie innerlich wussten. Für Außenstehende ist bei diesen Menschen eine Veränderung im Wesen festzustellen, die man mit Logik und rationalem Denken nicht erklären kann. Dieses Anderswerden wird dadurch bewirkt, dass die aktivierte innere Sehnsucht nach der anderen Wirklichkeit Lebenssituationen anzieht, welche die Befreiung in Quantensprüngen nach vorne treibt

Sven Henkler: Wenn einem Menschen aber eine solch „wunderbare“ Begebenheit nicht beschieden ist, wie kommt er trotzdem zu dem Glück, den universellen Geist in sich zu erleben?

Heinz Klein: Nun, der Geist ist bereits in ihm. Er hat ihn bisher aber nicht erkennen können, weil er sein Glück im Außen vermutete und er sich selbst so gut wie gar nicht kannte. Da heißt dann der erste Schritt: Loslassen. Loslassen im Außen wie Innen. Dazu gehört auch ein Loslassen von aller bisher praktizierten Spiritualität oder Religiosität. Wir Menschen gleichen oft umherfahrenden Museen. Wir haben Angst vor der Leere und haben uns bei sogenannten Autoritäten Inventar für unser leeres Haus ausgeliehen. Und das gibt es noch nicht einmal kostenlos. In die Gegenwart des Geistes treten bedeutet zunächst, auf allen Ebenen der Persönlichkeit den Überlebenskampf aufzugeben und sich zu ergeben. Dann geschieht das, was man nicht einüben kann, nämlich dass der Geist alles, was zu unserer Person gehört, aufsaugt und auflöst.

Sven Henkler: Geht das so automatisch vor sich, wie Sie das beschreiben?

Heinz Klein: Nein, automatisch geht nichts vor sich. Manche tun sich eben schwer damit, sich von Bindungen und Gewohnheiten zu trennen. Auch wenn man sich selbst nicht für genial hält, so nimmt man sich jedoch sehr ernst und hält nicht gerade wenig von sich. Die Illusionen der Ich-Persönlichkeit sind mauerdick und undurchlässig für Ideen einer Bewusstseinsveränderung. Da hilft nichts anderes, als in ständiger Aufmerksamkeit und Wachheit zu leben, damit man mit den eingefahrenen Verhaltens-, Gedanken- und Gefühlsmustern konfrontiert wird. Alle Muster sind in der Vergangenheit angenommen oder übergestülpt worden, und diese Muster haben den Menschen versklavt. Sein Geist, genauer ausgedrückt sein Intellekt, spiegelt die Denkmuster oder – schlimmer noch – die Vorurteile von Menschen aus der Vergangenheit wider. Wir müssen dahin kommen, dass wir dem Leben vorurteilslos, nichts besitzen wollend und vor allem staunend gegenüberstehen wie ein sechs Monate altes Kind, das in ständiger Verwunderung und Akzeptanz lebt. Wir als Erwachsene müssen wieder lernen, uns an das Leben zu verlieren, weil uns das Leben sowieso nicht gehört.

Sven Henkler: Kann das nicht alles auch nur ein mentales Spiel bleiben, eines von vielen möglichen?

Heinz Klein: Das kann man nicht ausschließen. Sicher sind Ihnen in den verschiedenen esoterischen Gruppen jene Mitglieder begegnet, die in ihrer esoterischen Rolle gefangen sind und sich in ihrer Rolle ernst nehmen. Sehr schnell bemerkt man jedoch, dass die Augen dieser Menschen unruhig hin- und herblicken und dass sie leicht aus der Fassung zu bringen sind. Sie sind bodenlos und ängstlich wie zuvor, weil sie und das Leben bis jetzt nicht eins geworden sind. Das Leben, gemeint ist nicht das von einer Persönlichkeit gefärbte Leben, wird vom universellen Geist durchflutet. Dieser Geist gehört niemandem, unsere Hände können ihn nicht fassen, geschweige denn festhalten. Der Geist ist weder Energie noch Materie; er trägt jedoch alles und zieht sich nie zurück. Wenn unser Bewusstsein sich nicht mehr mit unseren gedanklichen Spekulationen identifiziert, so erfahren wir die Begrenztheit unseres Verstandes und beginnen, zwischen Geist und Verstand unterscheiden zu können. Unser Körper kommt von einem anderen Körper. Er ist sogar Träger des Lebens, aber nicht das Leben. Die Körperfunktionen übrigens laufen reibungslos ab, wenn wir von dem Bewusstsein durchdrungen sind, dass unser Körper ein Gefäß des Geistes ist und dass wir uns selbst nicht gehören.

Sven Henkler: Und wohin führt uns dieser nicht ganz einfache Weg? Wie sieht dann unsere Zukunft aus?

Heinz Klein: Wenn wir dahin gelangen können, dass wir wieder Geschöpfe des einen universellen Geistes sind und das Getrenntsein aufgegeben haben, dann wird eine neue Erde in uns und um uns entstehen. Zunächst allerdings müssen wir uns damit zufriedengeben, den Alltag von den Schlacken zu befreien, die unsere depravierte Lebensweise hinterlässt. An das neue Leben darf man keine Erwartungen stellen. Es nimmt uns an und trägt uns mit sich. Und dann gibt es keine Zukunft, nur noch Gegenwart. Und wir erfahren unsere höchste Vollendung in der Fähigkeit, durch alle Wandlungen hindurch lebendig zu bleiben, weil wir dem Leben angehören.

Sven Henkler: Ist Leben denn grenzenlos?

Heinz Klein: Ja, es ist grenzenlos und endlos.

Sven Henkler: So hängt also mein persönliches Heil von mir und meiner Fähigkeit ab, mit dem Bewusstseinsfeld des einen Geistes zu verschmelzen.

Heinz Klein: Ja, so ist es für Sie, diese Regel aber gilt nicht für alle. Kommen wir abschließend in die Gegenwart zurück, welche die Zukunft in sich schließt.

Sven Henkler: Herr Klein, vielen Dank für dieses Gespräch.

Literaturhinweise:

              

Sven Henkler

Sven Henkler

Sven Henkler, Jahrgang 1975, ist als Verleger und freier Autor tätig. Sein Interesse gilt seit Jahren der Mythenforschung.
Buchveröffentlichungen beim Verlag Zeitenwende (www.verlag-zeitenwende.de):
- Die Zeit der Wiederkehr (1999, vergriffen)
- Das Wilde Heer (1. Auflage 2000, erweiterte Neuauflage 2010)
- Mythos Tier - Geschichte und Mythologie einer ewigen Verbindung (2001, vergriffen)
- Urstoff Wasser - Mythisches Element des Lebens (2004, 2. Auflage 2006)
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