Bewusstsein Märchen/Märchendeutung

Aus dem Dunkeln ins Helle: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel

Seit nunmehr 40 Jahren wird alljährlich in der Winter- und vor allem (Vor-)Weihnachtszeit mehrfach der Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gezeigt. Es ist ein Phänomen, dass diese Aschenputtelvariante immer wieder angeschaut und die Begeisterung für diesen Film von Generation zu Generation weitergetragen wird. Märchenfilme gibt es zahlreiche – doch warum ist dieser so beliebt? Was auf den ersten Blick als eine schöne Geschichte daherkommt, in welcher ein armes gedemütigtes, heute würde man sagen gemobbtes, Mädchen letztlich zur Prinzessin wird, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als eine symbolträchtige, Urbilder und Urprinzipien wiedergebende Erzählung. Sie berührt im Innersten, scheint verborgene Erinnerungen sowie Wünsche zu wecken und beschreibt in märchentypischer Art und Weise das Erkennen und innere Wachsen des Menschen, die Erfüllung einer Berufung – und das alles unter dem Aspekt des stetigen Wandels.

Das „emanzipierte“ Aschenbrödel

Während die Figuren des Märchens, die allesamt eine wenn auch zunächst nicht wahrnehmbare Symbolkraft aufweisen, ihre Bedeutung für das letztendliche Zusammenfinden des Prinzen mit dem Aschenbrödel haben, so sind es natürlich diese beiden selbst, die aufgrund ihrer je eigenen inneren und äußeren Wandlung den Weg dahin ermöglichen. Vilja Elisabeth stellt dies in ihrem Buch „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel: ein Lebensschlüssel“ sehr gut heraus: Beide, Frau und Mann, müssen zunächst ihr wahrhaftes Wesen erkennen und daran wachsen, um dann für den anderen bereit sein zu können. Symbolisch dafür stehen drei Fragen, die das Aschenbrödel über sich selbst dem Prinzen stellt – solange er diese nicht beantworten kann, wird sie ihm entgleiten. Doch um die Antworten zu finden, muss er selbst in sich hineinhören und einen inneren Wandel vollziehen. Dies ist ein besonderer Unterschied zum Grimmschen Aschenputtel, wo der Prinz zwar seine Auserwählte suchen muss, aber das Bild vom schönen Prinzen auf dem weißen Pferd gezeichnet wird, der seine Braut einfach mal so abholt. Das Aschenbrödel ist hingegen, wenn man es so nennen will, eine „emanzipierte“, eine dem auserwählten Mann gleichwertige Frau, und dies nicht im modernen „frauenbewegten“, sondern einem ursprünglich-prinzipiellen Sinne. – Neben aller im Film vorhandenen märchenhaften Romantik dürfte dies ein Grund, wenn auch unbewusst, für dessen Beliebtheit sein, denn er spricht hier ein Urverlangen des Menschen an.

Das Aschenbrödel wird vordergründig nicht als bemitleidenswertes Mädchen, sondern trotz seiner widerlichen Lebensumstände als starke und selbstbewusste junge Frau dargestellt, die nicht um des Herauskommens aus dem bisherigen Lebens willens in die Hochzeit einwilligt: nicht der Prinz zieht die Auserwählte zu sich hoch, sie holt ihn zu sich herunter ins Schattenreich, beide müssen ihre eigenen Aufgaben bewältigen, um gemeinsam in eine lichte Zukunft zu gehen. Hier offenbart sich ein uraltes Mysterium, ein Mysterienweg.

Geburt des Lichtes

Die Geschichte in den Winter zu versetzen, erwies sich als Glücksgriff, denn so wird die eigentliche Kernaussage des Aschenputtel-Märchens noch mehr verstärkt, vor allem in symbolischer Hinsicht. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ist also nicht nur wegen der schönen verschneiten Landschaft als Kulisse ein Winter- beziehungsweise Weihnachtsmärchen und wird in dieser Zeit am meisten gesehen. Vor allem das Aschenbrödel verkörpert das, was der Ursprung des Weihnachtsfestes ist: die Geburt des Lichtes. Im Verborgenen, im Dunkeln wird aus dem grauen, rußigen Mädchen eine helle, strahlende Frau – genauso wie in der dunkelsten Zeit des Jahres das Neue, das Helle heranwächst; die Sonne, die in der Weihnachtszeit beziehungsweise zur Wintersonnenwende ihren Tiefpunkt im Jahreslauf hat, schickt sich an, wieder in höhere Gefilde zu steigen, die helle Jahreshälfte beginnt.

Urprinzipien und die Bindung zur Natur

Dieses Naturhafte und Urprinzipielle zeigt sich auch in vielen anderen, oft auch den Ausgang der Geschichte bestimmenden Szenen: beispielsweise sind da vor allem die tiefe Verbindung des Aschenbrödels mit der Tierwelt (die vordergründig märchenhaft anmutet, jedoch großteils eine wahrhaft mögliche Mensch-Tier-Beziehung erkennen lässt) und der Pflanzenwelt (über die Haselnüsse hat es Zugang zur Anderswelt; diesen Früchten wird seit Urzeiten nachgesagt, die Tore zu anderen Welten eröffnen zu können) oder auch sein Urvertrauen in die Schöpfung und damit verbunden das Kraftschöpfen in der Natur und sein vorurteilsfreies Handeln. – Natürlich kann vieles in diese Aschenputtel-Variante hineininterpretiert werden, es ist aber erstaunlich, in welcher Dichte und Vielfältigkeit Urbildhaftes und Urprinzipielles und somit zeitlos Wahrhaftes in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ zum Tragen kommen. Dazu zählen auch zahlreiche astrologische Bezüge und Bedeutungen, auf die hier aber nicht eingegangen werden soll. Wer das in diesem Märchen verborgene Urwissen ergründen und gar im eigenen Leben zur Anwendung bringen möchte, dem sei das Buch „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel: ein Lebensschlüssel“ wärmstens empfohlen. Es geht in die Tiefe und nutzt den Zauber des Märchens, um zu beschreiben, wie ein Leben und Handeln aus der eigenen Mitte heraus geführt werden kann.

Literaturhinweis:

 

 

Vilja Elisabeth: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel: ein Lebensschlüssel
Klappenbroschur, 352 Seiten, ISBN 978-3-934291-72-0
Preis: 19,90 Euro (D)
Verlag Zeitenwende

 

Sven Henkler

Sven Henkler

Sven Henkler, Jahrgang 1975, ist als Verleger und freier Autor tätig. Sein Interesse gilt seit Jahren der Mythenforschung.
Buchveröffentlichungen beim Verlag Zeitenwende (www.verlag-zeitenwende.de):
- Die Zeit der Wiederkehr (1999, vergriffen)
- Das Wilde Heer (1. Auflage 2000, erweiterte Neuauflage 2010)
- Mythos Tier - Geschichte und Mythologie einer ewigen Verbindung (2001, vergriffen)
- Urstoff Wasser - Mythisches Element des Lebens (2004, 2. Auflage 2006)
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