Bewusstsein Märchen/Märchendeutung

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, Teil 2: das Erkennen

Im Märchen »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel« wird verdeutlicht, dass es nicht immer einfach ist, hinter den Schein, hinter eine Fassade zu blicken, um zu erkennen und das Erkannte auch anzunehmen. Was als simple Märchenhandlung, hat einen sehr tiefen Sinn.

Als das Aschenbrödel beim Ball auf den Heiratsantrag des Prinzen mit einem Rätsel antwortet, das die bisherigen Treffen der beiden beschreibt, kann er dieses nicht lösen und die Schöne flieht aus dem Schloss über die Treppe zurück ins Schattenreich – sie führt den Königssohn symbolisch vom Bewusstsein über die Treppe hinunter ins Unbewusstsein. Dabei verliert sie ihren rechten Schuh, wodurch der Prinz den Schlüssel zur Einen, der Seinen, erhält. Nun folgt der Weg ins Schattenreich. Dort besteht er die Bewährungsprobe: Auf dem Gut befiehlt er, dass alle Frauen den Schuh probieren sollen. Danach fragt er, ob wirklich keine andere Frau mehr da ist, und der Knecht erzählt ihm vom Aschenbrödel. Der Zuschauer kann vermuten, dass sich der Thronfolger durch das Hören des Namens an das Rätsel erinnert: »Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht.«

Als die Stiefschwester Dora im Gewand der Gesuchten mit ihrer Mutter die Kutsche besteigt, traut der Königssohn zunächst eher dem, was seine Augen sehen. Offensichtlich ist seine Suche erfolgreich gewesen. Der Knecht Vinzek rät ihm, der falschen Braut den Schuh anzupassen, bevor er ihr den Verlobungsring an den Finger steckt. Gerade als er den Rat befolgen will, reißt ihm die Herrin den Schlüssel zur Erwählten aus der Hand und gibt den Befehl, mit der Kutsche loszufahren. Der Thronfolger reitet hinterher. Die Damen verunglücken und liegen im Wasser. Hier wird dem Königssohn die Täuschung bewusst. So sind ihm gerade noch rechtzeitig die Augen geöffnet worden und er befreit sich aus dem trügerischen Spiel von Dora und ihrer Mutter. Wie viele Menschen sehen oder übersehen eine solche oder ähnliche Situationen? Sie heiraten trotzdem, weil es von ihnen erwartet wird oder weil es vom Kopf her so gut passt. Doch selbst aus Fehlentscheidungen kann Positives gewonnen werden. Dadurch wird klar, was fehlt, welche Aspekte einem besonders wichtig sind.

Lässt man die Chance der Entwicklung jedoch ungenutzt, wird man höchstwahrscheinlich erneut mit ähnlichen Problemen konfrontiert werden. Im Märchen zeigt dies der Königssohn, da er immer wieder an ähnliche Punkte gelangt. Jedes Mal, wenn er wissen will, mit wem er es zu tun hat (1. das ascheverschmierte Mädchen im Wald, 2. der Zauberschütze, 3. das Mädchen im Baum, 4. die wunderschöne Prinzessin auf dem Ball), ist das Aschenbrödel wieder verschwunden. Erst nachdem der Prinz hinter die Illusion der äußeren Fassade geblickt hat und den Inhalt zu schätzen lernt, bleibt seine Prinzessin bei ihm.

Zu Beginn einer Entwicklungsaufgabe ist es oftmals so, dass Menschen ihre eigenen Probleme nach außen projizieren: Das Umfeld oder Personen sind schuld, dass es einem schlecht geht. Doch Schuld ist die Projektion von etwas, das man an sich selbst verleugnet. Dann folgt irgendwann die Einsicht, dass es etwas mit einem selbst zu tun haben könnte. Wer zum wiederholten Male an einem ähnlichen Punkt angekommen ist, fragt vielleicht nach Ursachen, nach dem WARUM. Die Ursache liegt in der Vergangenheit. WARUM schon wieder ich? Dies ist das Ego. Es möchte auf den Grund des Übels kommen, um es zu begreifen. Doch einen Schatten kann man nicht anfassen. Dieser ist unfassbar, man kann ihn höchstens verstehen. Der Weg dahin ist eine Hin-Richtung des Ego, die in die Richtung des Selbst führt.

Während des Prozesses schaut man dann allmählich in die Zukunft und fragt sich: WOZU? Wo liegt der tiefere Sinn des Ganzen? Hat man ihn erfasst, kommt es zur Ein-Sicht. Dies ist keine gebräuchliche Sicht mit beiden Augen, die geöffnet sind. Nein, es ist vielmehr ein Blick ins Innere, bei dem die Augen geschlossen sein können und man die Bedeutung von innen heraus erfährt. Die Strophen vier und fünf von Portia Nelsons »Autobiografie in fünf Kapiteln« (siehe Graphik links) weisen auf das Ende der Verwicklung, auf die Entwicklung hin: Der Mensch wendet Sinn und Zweck für die Zukunft an. Wer in einem solchen Prozess ist, kann unmittelbar aus dem Urvertrauen, das wirklich alles, was im eigenen Leben passiert, einen tieferen Sinn und mit einem selbst zu tun hat, die Kraft für den weiteren Weg schöpfen. Dies ist das Licht am Ende des Tunnels, das vielleicht nicht immer sichtbar, wohl jedoch im Inneren eines jeden brennt.

Die ersten beiden Strophen sind die Ich-Identifizierung. In der dritten Strophe wird man wach, es kommt zur Selbst-Erkenntnis. In den Strophen vier und fünf werden Wissen und Erfahrung angewendet, was weise ist und einem teilweise erwachten Zustand (zum Thema »Erwachen« sie Teil drei dieser Artikelserie) entspricht. Hat man dieses Stadium erreicht, können weitere Aufgaben kommen, der Kreislauf beginnt von vorne. Dies ist der Weg vom Herzen hinab ins Schattenreich, zu den ureigenen Gefühlen. Ein Teil des Ego stirbt, man erfährt einen höheren Sinn und geht den Weg der Erkenntnis. Zusammengefasst passen hierzu die am Orakel von Delphi gestandenen Worte: »Erkenne dich selbst und du erkennst Gott.«

Literaturhinweis:

 

 

Vilja Elisabeth: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel: ein Lebensschlüssel
Klappenbroschur, 352 Seiten, ISBN 978-3-934291-72-0
Preis: 19,90 Euro (D)
Verlag Zeitenwende

 

 

Nicole Vilja Elisabeth Wagner

Nicole Vilja Elisabeth Wagner

Dr. Nicole Vilja Elisaneth Wagner studierte Zahnmedizin und verfasste ihre Doktorarbeit in Psychologie. Dann wies das Schicksal eindringlich auf notwendige Änderungen hin. Nach Abschluss einer Hypnoseausbildung beim DGZH e.V. und einem berufsbegleitenden Master-Studiengang forschte sie, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Urweisheiten bekannt sind, deren Kräfte sie selbst erfahren durfte. Aufschlussreich war dabei eine mehrmonatige Ausbildung in archetypischer Medizin bei Margit und Dr. med. Rüdiger Dahlke; hilfreich war und ist für sie Yoga.

Buchveröffentlichungen beim Verlag Zeitenwende: "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel: ein Lebensschlüssel" (2012)
Nicole Vilja Elisabeth Wagner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Lesen Sie weiter:
„Human-Reset“ – einmal auf Null und Neustart

Von Computern ist man es gewohnt: herunterfahren und neu starten. Sollte das Herunterfahren nicht klappen, weil das System hängt, wird...

Schließen