Metaphysik Taoismus Wissenschaften (traditional)

Forschung und Wissenschaftlichkeit in den traditionalen Kulturen

Ost und West

Der Begriff „Wissenschaft“ wird im Brockhaus wie folgt definiert: „Inbegriff dessen, was überlieferter Bestand des Wissens einer Zeit ist, sowie vor allem der Prozess methodisch betriebener Forschung und Lehre als Darstellung der Ergebnisse und Methoden der Forschung mit dem Ziel, fachliches Wissen zu vermitteln und zu wissenschaftlichem Denken zu erziehen…“

Wissenschaftliches Denken analysiert und zerlegt das zu erforschende Objekt in einzelne Teile und kulminiert in Hypothesen und Theorien. Diese gelten solange, bis sie von einem anderen Wissenschaftler widerlegt werden. So wird denn der Geist, der im Menschen wohnt und sich als geistiges Prinzip auch im gegenüberstehenden zu untersuchenden Objekt befindet, nach den Worten Goethes „in spanische Stiefeln eingeschnürt“ und daran gehindert, bis auf die geistige Ebene dieser Schöpfung vorzudringen. Geistige Erkenntnisse werden in der modernen Welt gleichgesetzt mit intellektuellen Schlussfolgerungen. Westliche Wissenschaftlichkeit besteht, von einer anderen allumfassenden Weitsicht aus gesehen, aus verschiedenen Denkschablonen, an welchen der westliche Mensch, selbst der Nicht-Wissenschaftler, verbissen festhält. So wird manches Vorurteil von Generation zu Generation weitergereicht.

Befassen sich zum Beispiel westliche Wissenschaftler mit der chinesischen Kultur, so enthält das Forschungsergebnis alle Vorurteile, die der Westen im Allgemeinen dem Rest der Welt gegenüber aufrechterhält. Warum, so lautet immer die Frage, haben die anderen Völker nicht die gleiche Entwicklung durchgemacht und den gleichen Standard der Zivilisation erreicht wie wir im Westen? In diesem Zusammenhang wird der Blick gern rückwärts gewandt bis zu den Höhlen des Neandertalers. Wiederum wird festgelegt, dass diese Sichtweise die einzig richtige ist. Von den Keulen schwingenden Urmenschen bis zu uns im dritten Jahrtausend n. Chr. ist die Entwicklung so rasant, dass dies allein schon bestätigt, dass der eingeschlagene Weg der bestmögliche ist.

Solange China eine traditionale Kultur war (offiziell bis 1911), war der Blick ebenfalls rückwärts gewandt, aber mit dem Unterschied, dass der Höhepunkt der zivilisatorischen Entwicklung in die Zeiten 3000 bis 2000 v. Chr. gelegt wurde. In diesen Zeiten wurden nämlich die Grundlagen definiert für die einzelnen traditionalen Wissenschaften, so zum Beispiel für die Alchemie, die Astrologie und die Medizin. Die Traditionelle Chinesische Medizin, die bis heute als Heilkunde überlebt hat und noch praktiziert wird, kämpft bei uns vergebens um Anerkennung. Bisher wurden ihre Heilerfolge zwar kommentarlos bestätigt, aber nicht anerkannt. Diese Medizin, so lautet das Urteil studierter Wissenschaftler, ist in einem frühwissenschaftlichen Stadium stecken geblieben. Dabei wird aber übersehen, in welchem Engpass die westliche Schulmedizin steckengelieben ist.

Der westliche Wissenschaftler hat nach Goethes Formulierung letztlich die Teile der Schöpfung einzeln in der Hand, es fehlt diesen aber leider das geistige Band.

Traditional bezeichnet man die Kulturen und Wissenschaften, die auf der Erkenntnis kosmischer Gesetzmäßigkeiten gründen und die in ihrer Ausrichtung die Bindung an die Transzendenz beibehalten haben. Forschung wird dann nicht zum Selbstzweck, sondern dient zur Stärkung des Ganzen. Forschungsziel bleibt die Rückführung zur Urquelle, damit das einzelne geschaffene Wesen reibungslos dem ihm innewohnenden Gesetz folgen kann. Die innewohnende Gesetzmäßigkeit spiegelt ungetrübt die Prinzipien des Kosmos wider. Diese Prinzipien sind in jedem geschaffenen Ding zu erkennen. Daher lautet der Lehrsatz von Konfuzius (551-479 v. Chr.): „Ko wu chih chih“ = Die Dinge erforschen (untersuchen), um zum Wissen vorzudringen (das in ihnen verborgen liegt). Den gleichen Erkenntnisweg findet man bei Albrecht Dürer (1471-1528); von ihm wird der Ausspruch überliefert: „Wahrhaftig steckt alle Kunst in der Natur. Nur wer sie heraus kann reißen, der hat sie.“

Jede Wissenschaft, so muss man sich vergegenwärtigen, galt im Mittelalter als eine Kunst, und die Aussage Dürers trifft besonders auf die traditionalen Wissenschaften zu. Im Ansatz waren die Wissenschaften des europäischen Mittelalters den östlichen traditionalen Wissenschaften sehr ähnlich. Die Unterschiede zeigen sich jedoch in der Anwendung der entdeckten Gesetzmäßigkeiten.

Für die Wissenschaftler des Ostens beruhte jedes Fehlverhalten des Menschen auf Unkenntnis der ursprünglichen Schöpfungsprinzipien. Wenn sich der Mensch diesen Gesetzen jedoch anpasst, dann folgt er ohne Behinderungen dem steten Wandel der offenbarten Schöpfung. Das durch die Forschung erlangte Wissen diente im alten China allein zur Wiederfindung der verlorenen inneren Ausrichtung. Je tiefer der chinesische Gelehrte in die Gesetzmäßigkeiten des Kosmos vordrang, desto verbundener fühlte er sich mit dem gesamten Naturgeschehen. Er hatte für sich nie den Anspruch erhoben, Abläufe der Natur verbessern zu wollen. Der westliche Mensch hingegen versucht, seit er die Anbindung an die Transzendenz aufgegeben hat, die Natur sich und seinen Zielen gefügig zu machen. Die in den Dingen waltenden Prinzipien werden aus der Natur herausgerissen und vom Menschen missbraucht, indem er die waltenden Kräfte des Kosmos für die Verwirklichung seiner Vorstellungen und Wünsche in Bezug auf die Natur und das Leben des Menschen einsetzt. Dieser Prozess der Degenerierung der reinen Lebenskraft wird kurz, aber überdeutlich in Laotses „Tao Te King“, genauer in Vers 38, dargestellt.

Der Hauptunterschied zwischen den beiden Wissenschaften aber liegt in der Bedeutung, die dem forschenden Wissenschaftler beigemessen wird. Das westliche Wissenschaftsbild beruft sich vor allem auf Objektivität, die sich auf mathematische und experimentelle Beweise stützt. Ein wissenschaftliches Experiment muss jederzeit wiederholbar sein. Im Experiment selbst wird die Person des Wissenschaftlers ganz außen vor gelassen. So lässt sich durch endlose Versuche eine endlose Reihe von Detailfakten erarbeiten, die dann beziehungslos nebeneinander stehen; der Blick auf die Schöpfung als Ganzes ist verlorengegangen. Das Ganze aber im Blick zu behalten, war die wichtigste Grundvoraussetzung für den traditionalen Wissenschaftler. Nicht nur das untersuchte Objekt wird als Gesamtheit gesehen, die aus vielen Einzelteilen zusammengesetzt ist, sondern auch das Objekt selbst wird seinerseits als integrierter Bestandteil im großen kosmischen Zusammenhang erlebt. So bestätigte sich immer wieder die Identität von Makro- und Mikrokosmos. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Wissenschaftler mit seiner Person, mit seinem Wesen, ein unabdingbarer Faktor in der Forschung war. Wie weit war er vorbereitet, das heißt bis zu welchem Grad hat er eine innere Wandlung durchlaufen, um das universelle Wissen unverfälscht zu verstehen. Daher begann der Weg des Forschers bei Konfuzius mit der Forderung der Selbsterkenntnis. Denn Emotionen, die aus individuell persönlichen Motiven heraus die Erkenntnisfähigkeit des Herzens überlagern, behindern die intuitive Schau der makro-mikrokosmischen Einheit. Ob also ein Schüler zu den traditionalen Wissenschaften zugelassen wurde, hing nicht so sehr von seinen intellektuellen Fähigkeiten ab, sondern vor allem von seiner inneren geistigen Struktur, die ihn zu einem Wandlungsweg befähigte. Die zweite und dritte Stufe dieses Weges nannte Konfuzius Selbstüberwindung und Selbstvervollkommnung. Wichtig war für Konfuzius, dass der Schüler auf dem Weg zum universellen Wissen Aufrichtigkeit im Herzen und in den Gedanken erlangte. Dies war die Voraussetzung dafür, dass sich im Schüler ein Bewusstseinswandel vollziehen konnte. Bewusstseinswandel und Bewusstseinserweiterung bis hin zum kosmischen Bewusstsein vollziehen sich wie von selbst, wenn alle menschlichen Vorstellungen und Theorien den Herzensspiegel wieder freigegeben haben und sich die Wirklichkeit dessen, was ist, darin ungetrübt widerspiegeln kann.

Die vier Stufen der Bewusstseinswandlung

Je mehr der Mensch auf dem Wandlungsweg fortschreitet, desto stiller wird es um ihn. Nach chinesischer Auffassung durchläuft der Mensch vier Stufen der Bewusstseinswandlung. Nach dem Prozess der Selbsterkenntnis und der Einführung in das kosmische Wissen gehören die Wissenden („hsien-jen“) zur ersten Stufe. Auf der zweiten Stufe sind die Erwachten („sheng-jen“). Das Erwachen setzt voraus, dass der Mensch alle Illusionen und Wahnvorstellungen über sich und die Welt überwunden und seine Gefangenschaft in der Polarität erkannt und hinter sich gelassen hat. Danach gehört er zu den Angekommenen („chih-jen“). Sie sind angekommen am Grenzpass, der in das freie Land der wahren Menschen („chen-jen“) führt. Die wahren Menschen leben mit ihrem Bewusstsein und dem wiedererwachten inneren Menschen im Feld der Urprinzipien.

Der Zugang zu diesem Feld ist weder einer bestimmten Rasse noch Gesellschaftsschicht vorbehalten. So erklärt es sich auch, dass die Aussagen der griechischen Medizin und der Medizin des Paracelsus in ihrer Essenz gleich sind. Das Wissen der Urprinzipien ist weder das Ergebnis einer wissenschaftlichen Versuchsreihe noch eine mentale Konstruktion‚ die sich Forscher ausgedacht haben. Sie wurden vielmehr von Menschen einer höheren Bewusstseinsstufe wahrgenommen und in menschliche Sprache umgesetzt. Dieses Wissen wurde in früheren Zeiten mündlich vom Lehrer an den Schüler weitergegeben. Je weiter man sich von der Quelle der Offenbarung dieses Wissens entfernte und der Strom der Überlieferung zu versiegen drohte, desto stärker wurde das Verlangen nach schriftlicher Fixierung. In China dürften die ersten schriftlichen Überlieferungen aus dem 5. oder 4. Jh. v. Chr. stammen. Bücher, die das universelle Wissen enthalten, tragen in China die Bezeichnung „ching“ = Leitfaden durch das seit dem Altertum überlieferte Wissen. Die uns heute zugänglichen Schriften wurden aus der Tang-Zeit (ca. 600-900 n. Chr.) überliefert. Diese Texte werden von modernen westlichen Forschern als unvollkommen und unlogisch empfunden. Diese Texte erklären keine Zusammenhänge, denn die Kohärenz der niedergeschriebenen Prinzipien wird von einem erweiterten Bewusstsein erfasst.

Beispiel: Traditionelle Chinesische Medizin

Für den Menschen mit einem gewandelten Bewusstsein liegen die Geheimnisse des Universums offen. Er sieht das stete Werden und Entwerden der manifestierten Schöpfung mit anderen Augen. Die gesamte Schöpfung wird als Einheit erlebt. Die Trennung zwischen Subjekt und Objekt ist überwunden. Das äußere Auge haftet weniger an den konkreten Formen, die oft Anlass für Sympathie- oder Antipathiebekundungen sind, sondern Schöpfung wird als ein Auf und Ab von verschiedenen Energiezuständen gesehen. Der leere Raum zwischen den Gegenständen schwindet. Die sichtbare Schöpfung wird als manifestierte, aber kristallisierte Formenwelt empfunden. Die einzelnen Formen stehen jedoch nicht für sich, sie schwimmen in einem Meer von Energiewellen und sind auf diese Weise alle miteinander verbunden. Dies erklärt, warum sich das Augenmerk der chinesischen Ärzte hauptsächlich und in erster Linie auf die energetische Ebene des menschlichen Körpers richtete. Erst dann wurde das Symptom des Krankseins beachtet. Das Symptom zeigt an, dass im Körper Lebensprozesse behindert oder unterdrückt werden. Der Ort des eigentlichen Krankseins, das entweder durch ein Zuviel oder ein Zuwenig an Energie (chinesisch genannt „ch’i“) verursacht wurde, musste aufgefunden werden, bevor überhaupt an eine Behandlung des Symptoms gedacht wurde.

Die chinesische Überlieferung spricht von vier Untersuchungsstufen für den Arzt. Diese heißen: „wang“, „wen“, „wen“, „ch’ieh“.

„Wang“ bedeutet schauen, in die Ferne blicken, über das Alltägliche hinausschauen. Das Schauen war der wichtigste Schritt für den Arzt, wenn er eine richtige Diagnose stellen wollte. Der Arzt schaute in das Energiefeld des Patienten und dessen Umfeld. Die größte Gefahr für eine Fehldiagnose lag in den Impulsen, die ihren Ursprung in der Persönlichkeitsebene des Arztes hatten und seinen Blick auf das Weben des Kosmos trübten. Durch das unbeteiligte Schauen erfasste der Arzt die Ebene, auf welcher der Patient bewusstseinsmäßig lebte. So wurde nicht nur der Krankheitsherd erkannt, sondern gleichzeitig wusste der Arzt, welche von den 10 Heilmethoden am besten zum Patienten passten.

Die weiteren Untersuchungsmethoden dienten dem Arzt als Referenzpunkte. So konnte er überprüfen, ob er in seiner Schau der Energien nicht fehlgegangen war. Die zweite Stufe, „wen“, beinhaltete sowohl das Riechen wie auch das Hören. Viele Tiere trauen ihren Augen und Ohren nicht so sehr wie den Wahrnehmungen der Nase. Zu jeder energetischen Fehlentwicklung gehört der entsprechende Indikator im Geruchsfeld des Kranken. Dessen Entwicklungszustand als geistiges Wesen konnte der Arzt aus dem Klang der Stimme heraushören. Die dritte Untersuchungsmethode „wen“ (= befragen) war ein Hilfsmittel für den Arzt, der sich aus den beiden ersten Untersuchungsmethoden kein klares Bild über das Kranksein des Patienten machen konnte. Der Patient wurde befragt, eine Anamnese wurde erstellt. Blieb der Arzt weiterhin unsicher, dann konnte er den Puls fühlen („ch’ieh“). Der Puls zeigte nicht den Anschlag der durch den Herzschlag weitergeleiteten Blutwelle, sondern Stärke oder Schwäche der mitschwingenden Lebenskraft („ch’i“) in den einzelnen Organen.

In den Schriften des Arztes Chang Chieh-pin (1563-1640) findet man eine Aussage darüber, wie Chang seine Patienten untersuchte. Das Reden des Kranken und der Menschen, die ihn pflegten, zählte zunächst nicht für ihn. Das Schauen beschreibt er wie folgt: „Alles Tun kann nicht außerhalb der Weltgesetzmäßigkeit sein. Das Verhältnis der Medizin zu ihr ist besonders eng. … Unter all den vielen Krankheiten stellt jede einzelne nur die eine Krankheit dar. … Deshalb muss ich als Mediziner bei der Untersuchung einer Krankheit mit meinem einen Mittelpunkt die eine Quelle des Krankseins durchschauen. Ich muss das ,Eine’ in mir in Beziehung setzen zu dem ,Einen’ im Gegenüber, dann erhalte ich die eine Wahrheit.“

Durch das innere Schauen kannte der Arzt die Ursache der Krankheit, ohne den Patienten, wie es im Westen der Fall ist, zu untersuchen.

Die chinesische Medizin‚ so wird immer wieder behauptet, war geschichtslos und kannte keine Fortentwicklung. Das Bewusstsein eines angehenden Arztes jedoch durchlief eine Entwicklung. Der Forschungsbereich eines Arztes lag nicht in einer Verbesserung oder Abänderung der gegebenen kosmischen Prinzipien. Forschung allerdings wurde intensiv betrieben in der Anwendung dieses Wissens auf das individuell anders gelagerte Krankheitsbild der einzelnen Patienten. Die kosmischen Gegebenheiten waren aufgezeichnet im Klassiker der Medizin „Huang-ti Nei-ching“ – Leitfaden durch das innere Wissen des Gelben Kaisers (der Gelbe Kaiser lebte nach chinesischer Sicht um 2600 v. Chr.). Das Wissen über die Heilpflanzen geht auf Shen-Nung zurück (ca. 2800 v. Chr.). Das große Heilkräuterbuch trägt den Namen „Pen ts‘ao ching“. Beide Bücher zum Beispiel sind nicht als Lehrbücher gedacht. Im Heilkräuterbuch sind keine Rezeptangaben enthalten. In der Zusammenstellung der Heilpflanzen bewies der Arzt sein Können.

Chinesische Heilkräuter werden ganz selten allein verschrieben. Eine Rezeptur umfasst mehrere Heildrogen, die sich gegenseitig stützen oder vorbeugen, dass Nebenwirkungen auftreten. Innerhalb eines Rezepts unterscheidet man die Rollen des Königs, der Minister, des Assistenten und des Dieners.

Im „Huang-ti Nei-ching“ werden die Ursachen‚ die krank machen, mit Räubern und Dämonen verglichen, welche es auf die Lebenskraft des Menschen abgesehen haben. Diese Sichtweise verleitete den Arzt Chang dazu, seine Rezepte gemäß der Acht-Aufteilung des chinesischen Heeres zu gruppieren. Als Eckpfeiler der Strategie nannte er vier Pflanzen, die in vielen Rezepten enthalten waren:

  • ti-huang (Gelb der Erde) = Rhemannia lutea bzw. glutinosa
  • ta-huang (das große Gelbe) = Rhabarber
  • jen-shen (menschenähnlich) = Ginseng
  • fu-tse (angehängtes Kind) = Aconitum

Ti-huang war das Heilkraut, das Chang am meisten benutzte, entweder roh, getrocknet oder als Absud. Dieses Heilkraut, so das Forschungsergebnis von Chang, hatte nicht nur eine Wirkung auf das Yin-Yang der kristallisierten Körperform, sondern beeinflusste über die Nieren das noch nicht formgebundene Yin-Yang. Er benutzte dann die Bezeichnung Ur-Yin und Ur-Yang. Er selbst schreibt zu der Wirkkraft von Rhemannia glutinosa: „Ti-huang unterstützt das zwischen den Nieren liegende Ur-ch’i. Ti-huang enthält die höchste Essenz des reinen Erd-ch’i (Yin). Es wirkt auf das Yang, das mitten in Yin liegt. … Wenn ti-huang mit Ginseng gegeben wird, so hat man ein Yin- und ein Yang-Mittel. Sie gehören zusammen wie außen und innen, wie die äußere Körperform und die sie belebende Lebenskraft.“

Ginseng ist das vornehmste Allheilmittel. Es unterstützt jeden Heilungsprozess. Auch Ginseng und Aconitum ergänzen sich gegenseitig.

Aconitum entwickelt eine große Hitze und wirkt besonders auf das Yang-ch’i. Durch Hinzufügung von Ginseng wird das Feuer des Aconitum in Grenzen gehalten. Rhabarber stärkt das Yin-ch‘i. Von ihm darf nicht zuviel verordnet werden, denn diese Pflanze ruft sonst Störungen im Verdauungstrakt hervor.

Der Paracelsussatz „Es gibt keine Krankheit, für die nicht ein Kraut gewachsen ist“, war ebenfalls eine Grundüberzeugung der chinesischen Ärzte. Das von Kaiser Shen-Nung übergebene Wissen zu den Heilwirkungen der Pflanzen wurde 1578 von dem Arzt Li Shih-chen überarbeitet und neu herausgegeben. Sein Werk enthält ungefähr 8000 Eintragungen. Von dem Arzt Chang Chieh-pin wurde 1624 eine Neubearbeitung des Klassikers „Huang-ti Nei-ching“ herausgegeben. Forschung in China entfernte sich nicht vom überlieferten Wissen, sondern führte stets auf dieses Wissen zurück. Der Heilprozess wurde wie ein natürlicher Vorgang gesehen, der sich langsam, aber stetig vollzog. Daher wurde auch die Akupunktur so wenig wie möglich angewandt, denn der Heilungsprozess sollte nicht forciert werden.

Der Mensch ist durch seinen Körper ein Teil der Natur. Ihm ist jedoch eine Sonderstellung im kosmischen Geschehen zugedacht. Er stellt das sichtbare Verbindungsglied zwischen Himmel und Erde dar. So verwundert es nicht, dass die Wandlung des Menschen zum „wahren Menschen“ bereits im ersten Kapitel des Medizin-Klassikers erwähnt wird. Heilwerden vollzieht sich nach dieser Sicht in großen oder kleinen Schritten auf dieses Ziel hin.

Vor dem körperlichen Tod – der notwendigen Zerbrechung der kristallisierten Form – konnte die traditionale Medizin den Menschen so wenig bewahren, wie es auch der modernen Medizin nicht gelingt, dieses Naturgesetz aufzuheben. Und es bleibt die Frage, ob der Erleidende dieses Geschehens mit vollem Einverständnis die Intensivstation als Ort des Hinscheidens gewählt hat. Die traditionale Medizin gibt den Menschen an die kosmischen Ebenen zurück, denen er im Leben teilweise angehört hat. Über die Art der Hilfestellung, die die Lebenden den Sterbenden geben, informieren die Totenbücher der östlichen und ägyptischen Kultur.

Heinz Klein

Heinz Klein

Heinz Klein, Jahrgang 1943, absolvierte ein Kunststudium an der Akademie in Brüssel. Er war vier Jahre Dozent an der Hochschule für chinesische Kunst in Taipei/Taiwan und studierte die chinesische Sprache. Bei verschiedenen Aufenthalten in Japan wurde er in den Zen-Buddhismus eingeführt. Beim Studium der Sinologie war sein Fachgebiet die chinesische Medizin, worüber er promovierte.
Dr. Heinz Klein übersetzte Laotses "Tao Te King" neu, da er dies aufgrund seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem chinesischen Urtext als notwendig erachtete.

Beim Verlag Zeitenwende erschien von ihm:
- "Tao Te King" von Laotse (Neuübersetzung, 2005, 2. Auflage: 2012)
- "Briefe zum Tao Te King" (2005)
- "Medizin und Alchemie – Wege zum Heil im traditionellen China" (2005)
- "Die Magie vom Wenigerwerden – Die Transformation zum wahren Menschen" (2005)
- "Sein eigener Meister und Schüler - Der einfache, direkte Weg" (2007)
- "Ihr seid Götter - Die Suche nach Unsterblichkeit" (2014)
- "Das wahre Erbe der Katharer - Zeitzeugnisse" (2014)
- "Das TAO TE KING und der Weg zu wahrhafter Freiheit" (E-Book, 2016)
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