Märchen/Märchendeutung Mythologie

Frau Holle und das Tränenkrüglein

Am 6. Januar ziehen nicht nur als Caspar, Melchior und Balthasar verkleidete Kinder von Haus zu Haus, wird nicht allein das Dreikönigsfest als Abschluss der Weihnachtszeit begangen, es ist auch oder vor allem der Tag der Frau Holle oder Berchta. Alter Glaube ist es, dass an diesem Tag die alte Göttin mit ihren Heimchen, Berchten beziehungsweise Holden, das sind die in ihr Reich übergegangenen Seelen verstorbener Kinder, über das Land zieht und so Segen und Fruchtbarkeit bringt. – Von einem solchen Umzug erzählt eine traurig-schöne Sage.

holleEs begab sich einmal, dass eine Frau, deren einziges Kind gestorben war und worüber sie so traurig war, dass sie Tag und Nacht weinte, am Hollen- oder Berchtenabend einen Botengang in ein anderes Dorf machen musste. Die schöne Winterlandschaft im Mondschein konnte sie nicht wahrnehmen, da ihre Augen gefüllt waren von Tränen. Doch plötzlich sah sie auf dem Feld eine große Frauengestalt mit vielen Kindern zum Wald ziehen – es war Frau Holle mit ihren Heimchen. Die lieblich singende Geisterschar zog über einen Heckenzaun und war schon fast im Wald verschwunden, als die arme Frau ein Kind sah, das barfuß im Schnee einen Krug mit sich schleppte, der so schwer war, dass es den anderen nicht hinterherkam. Als das Kindlein den Zaun erreicht hatte, lief es ängstlich vor ihm hin und her; es suchte ein Schlupfloch, denn hinüberklettern konnte es wegen der Last nicht.

Da erkannte die Frau, dass es ihr eigenes Kind war. Sie rief es, aber das Heimchen hörte sie nicht. Sie ging zu ihm und fasste seine kleine Hand, aber es erkannte sie nicht. Traurig darüber drückte sie ihr Kind fest an sich. Dabei geschah es, dass die Tränen der Mutter die Kinderaugen berührten, worauf des Heimchen wie im Traum sprach: „O wie warm ist Mutterarm!“

Die Mutter fragte traurig, ob das Kind nicht mit ihr nach Hause kommen will. Da antwortete es: „Lieb Mutter mein, leg ab die Trauer und lass das Weinen. Denn alle Tränen, die du vergießt, die fließen über mein Grab in diesen Krug. Den muss ich nun nachschleppen, und er wird immer voller. Sieh nur, mein Hemdchen ist schon ganz nass, und die Kinder laufen mir alle davon. So gib mich doch endlich hin und lass mich los.“

Als die Mutter das hörte, hob sie das Kind über den Zaun, weinte sich noch einmal richtig aus, küsste den kleinen Mund und sah dem Heimchen so lange nach, bis es die anderen erreicht hatte und mit ihnen verschwand.

Von da an war es so, dass sich die Frau, wenn die Trauer um ihr Kind über sie kam und sie anfangen wollte zu weinen, an den schweren Krug erinnerte und die Tränen bei sich behielt.

Literaturhinweis:

 

 

 

Sven Henkler: Das Wilde Heer. Götter und Geister der dunklen Zeit
Taschenbuch, 104 Seiten, ISBN 978-3-934291-52-2
Preis: 4,50 Euro (D)
Verlag Zeitenwende

 

Sven Henkler

Sven Henkler

Sven Henkler, Jahrgang 1975, ist als Verleger und freier Autor tätig. Sein Interesse gilt seit Jahren der Mythenforschung.
Buchveröffentlichungen beim Verlag Zeitenwende (www.verlag-zeitenwende.de):
- Die Zeit der Wiederkehr (1999, vergriffen)
- Das Wilde Heer (1. Auflage 2000, erweiterte Neuauflage 2010)
- Mythos Tier - Geschichte und Mythologie einer ewigen Verbindung (2001, vergriffen)
- Urstoff Wasser - Mythisches Element des Lebens (2004, 2. Auflage 2006)
Sven Henkler

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