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Vom Ringen der Mächte im Märchen von der Gänsemagd

Kategorien: Märchen/Märchendeutung

Es gibt ein interessantes Märchen von einer Königstochter, die auf dem Weg zur Hochzeit von ihrer Kammerjungfer verraten, betrogen, ausgeplündert und zur Gänsemagd erniedrigt wurde, um sich selbst den Platz der königlichen Braut an der Seite des Bräutigams anzumaßen. – Es ist sehr aufschlussreich, hinter die Bildsprache dieses Märchens zu blicken!

Wie kommt es, dass wir in eine Welt hineingeboren sind, deren Mächte in kriegerischen Wettstreiten um die Vormacht kämpfen und die Menschheit an den Rand des Untergangs treiben, während sie zugleich „Freiheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit“ auf ihre Fahnen schreiben? Wie kommt es zu diesem grotesken Widerspruch im Spannungsfeld unseres Daseins? Ist nicht die Möglichkeit eines friedlichen und toleranten Zusammenlebens zutiefst in uns allen angelegt? Tragen wir nicht den Geistfunken einer königlichen Seele im Herzen, die das Allein-Gute weiß und liebt? Freilich, wir kennen in uns und draußen in der Welt auch das wilde Menschentier, das nach Macht, Besitz, Geltung und Vergeltung strebt. Und wir bemühen uns, diese Bestie in uns einigermaßen in den Griff zu bekommen und uns anzupassen an die schroffen Gegensätze dieser absurden Welt. Doch während wir einander freundlich und scheinbar im besten Einvernehmen begegnen, kann es dennoch im Unterbewusstsein gären und brodeln… Was ist das für ein dämonisches Spannungsfeld, mit dem wir im Grunde doch nichts zu tun haben wollen, da es unserem wahren Wesen gar nicht entspricht? Warum werden wir von ihm beeinflusst und von Zeit zu Zeit beherrscht…

Um es einmal mit dem Märchen von der Gänsemagd zu umschreiben: Unsere Seele, das ist die Königstochter, muss die Gänse hüten, das heißt, die üblichen Gesetzesregeln und Moralvorstellungen wahren wie alle anderen. Doch sie leidet, denn sie wurde um ihren Ehebund mit dem verheißenen Königssohn betrogen. Von Zeit zu Zeit lässt sie das Goldhaar ihrer Herzensweisheit in der Sonne aufblitzen und bemüht sie sich, den Goldhauch ihres königlichen Erbes nicht auch noch zu verlieren. Sie schweigt über ihr Seelengeheimnis – denn ist es uns nicht seit vielen Jahrhunderten ins Blut geätzt und bei Todesstrafe verboten, über das Mysterium unserer göttlichen Seele auch nur ein Wort verlauten zu lassen? Selbsterkenntnis, Gnosis, das innere Wort, sie galten gegenüber den verbündeten Macht-Instanzen als Ketzerei! Unsere Seele hat gelitten unter dem Verlust der Erinnerung an die göttliche Verheißung. Falada, das sprechende Pferd – die Kraft des inneren Wortes –, wurde ihr genommen und von der Weltmacht getötet. Nun hängt sein Haupt angenagelt am Tor unseres Unterbewusstseins, und manchmal spricht die Seele mit Falada und klagt ihm ihr Leid… Und eines Tages geschieht ein Wunder…

Das sind freilich rätselhafte Bilder im Märchen. Sie rühren tief an unsere wahre Wesensbestimmung und bringen zugleich das konfliktreiche Spannungsfeld, das mörderische Machtspiel in der Welt, die dämonische Feindschaft der Finsternis gegenüber dem Licht der Seele und der Liebe des Geistes zum Ausdruck. Doch erinnern wir uns! Die göttliche Weisheit kündet nicht den Untergang, sondern den Sieg der Sanftmütigen, Leidtragenden und Unterdrückten! Unsere eigene kleine Weltgeschichte muss nicht enden mit dem Leid der Seele. Sie endet durch Selbst-Erkenntnis und Liebe mit dem Sieg über die finstere Macht der Selbstsucht. Sie endet im ewigen Bund der königlichen Seele mit dem göttlichen Geist! Darin liegt die uns allen vorbestimmte Befreiung und wahre Selbst-Verwirklichung!

Literaturhinweise:
Christa M. Siegert beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Märchen der Welt und deren verborgenen Weisheiten. Sie veröffentlichte unter anderem Rose und Gral. Der Neue Mensch im Spiegel der Märchen; ihr neues Buch Selbstbefreiung. Aufbruch und Wandel im Licht der Märchen erscheint im November 2013.
Rose und Gral          Selbstbefreiung

Christa M. Siegert

Christa Maria Siegert, befasste sich früh –neben ihrem Übersetzerberuf – mit Philosophie, Religionsstudium, Menschenkunde, Gnosis und der Symbolik der Märchen. Sie übersetzte und veröffentlichte die manichäischen Urtexte Mani Perlenlieder (”Manis Lichtschatz”) und das Evangelium der Pistis Sophia. Mit Erfolg gab sie ihr Buch Geheime Botschaft im Märchen im Eigenverlag heraus, das als Märchen als Abendländischer Einweihungsweg bei Goldmann erschien. Sie schreibt Prosa, Märchen, spirituelle Lyrik (Reise des Mantao) und ist als Referentin tätig.

Buchveröffentlichungen beim Verlag Zeitenwende: Rose und Gral (2011); JO - Seiltanz ins Lebendige (2012); Selbstbefreiung - Aufbruch und Wandel im Licht der Märchen (2013)

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Autor: Christa M. Siegert

Christa Maria Siegert, befasste sich früh – neben ihrem Übersetzerberuf – mit Philosophie, Religionsstudium, Menschenkunde, Gnosis und der Symbolik der Märchen. Sie übersetzte und veröffentlichte die manichäischen Urtexte Mani Perlenlieder (”Manis Lichtschatz”) und das Evangelium der Pistis Sophia. Mit Erfolg gab sie ihr Buch Geheime Botschaft im Märchen im Eigenverlag heraus, das als Märchen als Abendländischer Einweihungsweg bei Goldmann erschien. Sie schreibt Prosa, Märchen, spirituelle Lyrik (Reise des Mantao) und ist als Referentin tätig. Buchveröffentlichungen beim Verlag Zeitenwende: Rose und Gral (2011); JO - Seiltanz ins Lebendige (2012); Selbstbefreiung - Aufbruch und Wandel im Licht der Märchen (2013)

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