Bewusstsein Taoismus

I Ging – Das Buch der Wandlungen

Das I Ging, bekannt unter dem Namen „Buch der Wandlungen“, gehört zu den ältesten Büchern der chinesischen Kultur aus vorchristlicher Zeit. Historiker datieren es in die Anfangsjahre des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung. Es wird überliefert, dass zu jener Zeit der Kaiser Wen und sein Sohn, der Herzog von Dschou, die bisher stummen Zeichen mit Erklärungen und Ratschlägen versahen. Hat dieses Buch aus alten Zeiten den Menschen der heutigen Zeit noch etwas zu vermitteln? Was haben die Menschen am Anfang des dritten Jahrtausends n. Chr. gemeinsam mit den Menschen aus dem zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung?

Die acht Trigramme – Urbilder der Wandlungen

Die acht Trigramme mit dem Yin-Yang-Symbol in der Mitte.

Änderungen, Wandlungen, so entnimmt man dem Titel des Buches, finden laufend statt. Die Bausteine allerdings, aus denen die Grundmuster des Mikrokosmos – der kleinen Welt – und die des Makrokosmos – der großen Welt – zusammengesetzt sind, bleiben über die Jahrtausende hinweg die gleichen.

Grundlegend und prägend für das chinesische Denken war die Urerfahrung, dass alle Phänomene, Naturereignisse, alle Manifestationen von menschlichem Leben und menschlichem Tun sowohl einen positiven als auch einen negativen Pol haben und der Dualität unterworfen sind.

Sehr früh wurden die beiden Zeichen von Yin und Yang zum Symbol schlechthin jeglicher polaren Aufspaltung im Kosmos. In den Diagrammen des I Ging wird Yin, das Urweibliche, das Empfangende, mit einer gebrochenen Linie — — dargestellt und steht stellvertretend für die Erde. Yang hingegen, das Urmännliche, das Schöpferische, wird durch eine gerade Linie —— ausgedrückt und repräsentiert den Himmel. In Analogie zu den drei kosmischen Mächten Himmel, Erde und Mensch ergeben drei solcher Striche ein Trigramm. Dies ist ein Zeichen, ein Bild, das einen momentanen Zustand im kosmischen Geschehen widerspiegelt. Acht Trigramme bilden die archetypischen Bilder dessen, was im Himmel und auf Erden vorgeht. Diese acht Bilder können wiederum miteinander kombiniert werden, und es ergeben sich die 64 Hexagramme, Bilder und Zeichen wechselnder Übergangszustände. Diese Bilder sind in sich jedoch nicht statisch. Innerhalb der sechs Positionen eines Hexagramms sind ebenso viele Wandlungen möglich.

Orakelbuch oder Weisheitsbuch?

Das Wandlungszeichen des I Ging.

Die Dynamik, die dem Werk zugrunde liegt, hat das I Ging davor bewahrt, in Vergessenheit zu geraten. 1923 erschien in Deutschland die gut fundierte Übersetzung des Chinakenners Richard Wilhelm. Unbeantwortet für den intellektuellen Leser des Westens blieb jedoch die Frage, ob das I Ging ursprünglich in China als Orakelbuch oder als Weisheitsbuch benutzt wurde. Diese Frage stellt sich für die Chinesen nicht, denn in ihrer allumfassenden Weltsicht schließt das eine das andere nicht aus. Für die Chinesen war das I Ging nie ein gewöhnliches Wahrsagebuch, weil die Aussagen der Zeichen rational nachvollziehbar sind – im Gegensatz zu den rätselhaften, mehrdeutigen Aussagen vieler Wahrsagebücher, die erst durch die Deutungen von Priestern oder Seherinnen verständlich werden. Die Antworten des I Ging enthalten eine Zustandsaufnahme der Jetztzeit und lassen Keime des Geschehens in der Zukunft erkennen. Nimmt jedoch ein Rat- und Hilfesuchender die Dienste eines Wahrsagers in Anspruch, so wird er quasi entmündigt. Er sieht sich einem undurchschaubaren Schicksal ausgeliefert, das er passiv ertragen muss. Die Tatsache aber, das das I Ging den Ratsuchenden bis zu den Kräften führt, die die Welt im Innersten in Gang halten, und dass er Auskunft über die formenden Kräfte seines Lebens erhält, lässt den Ratsuchenden aktiv am Leben teilnehmen, und aus diesem Grund ist das I Ging sowohl ein Orakelbuch als auch ein Weisheitsbuch par excellence. Diese dem Buche innewohnenden Gedanken der Verbundenheit von Einzelschicksal und Weltentwicklung gehen, so will es die Überlieferung, auf den anfangs erwähnten Herzog von Dschou zurück.

Herzog von Dschou.

Im Gegensatz zur Wahrsagerin, die zur Zukunftsvorhersage selber in die Kristallkugel schaut, muss der Ratsuchende die Befragung des I Ging selbst in die Hand nehmen‚ denn seine Hände sind es, die die 49 Stäbchen immer wieder zusammenlegen, teilen und abzählen. Auf diese Weise ist es der Fragende selbst, der sich sein Hexagramm „erarbeitet“. Das Hexagramm zeigt ihm eine Momentaufnahme seines energetischen Seinszustandes zwischen Oben und Unten. Dieser Zustand, so muss er sich bewusst bleiben, ist ein sich wandelnder. Ereignisse in der Zukunft sind eine logische Folge aus dem Jetztzustand. Der Ratsuchende ist nicht nur manuell an der Ziehung des I Ging beteiligt, sondern auch intellektuell, denn er ist aufgefordert, sich darüber klar zu werden, welche Frage am besten das Kernproblem seiner Krisensituation ausdrückt.

Nur eine Frage ist erlaubt

Der Ratsuchende darf nicht mehrere Fragen gleichzeitig stellen. Er muss sein Problem in einer präzise formulierten Frage zusammenfassen. Auf diese Weise beruhigt er das Chaos der widerstreitenden Emotionen in seinem Innern und macht durch das Abwägen der verschiedenen Aspekte seines Problems einen Schritt auf dem Wege der Selbsterkenntnis. Auf allgemeine Fragen, wie zum Beispiel „Was soll ich in meiner Situation tun?“ gibt der Text des gezogenen Hexagramms keine Antwort. Das I Ging soll am gleichen Tag nicht mehrmals befragt werden. Eine zweite, weitere Frage darf frühestens am darauffolgenden Tag gestellt werden.

Wie befragt man das I Ging?

Im alten China wurde das I Ging mit Hilfe von Schafgarbenstengeln befragt. Das Volk ging mit Vorliebe zu den Priestern in taoistischen Tempeln, weil Sprachstil und Metaphern des Textes ein gewisses Bildungsniveau voraussetzen.

Wer nun heute in Deutschland bei sich zu Hause das I Ging befragen will, der setze sich an einen Tisch und nehme als Ersatz für die Schafgarbenstengel 50 gleich lange und dicke Hölzchen, zum Beispiel Streichhölzer. Eines legt man, während man sich auf die zu stellende Frage konzentriert, beiseite, und es wird nicht weiter berücksichtigt. Die übrigen 49 Stäbchen, die in einem Haufen zusammenliegen, werden in zwei Haufen geteilt, so wie es sich gerade ergibt. Darauf nimmt man vom rechten Haufen einen Stengel und legt ihn rechts oben sichtbar hin. Er erinnert den Fragenden daran, dass das Auszählen der Stäbchen im ersten Durchgang ist. Nun nimmt man vom linken Haufen je vier Hölzchen weg, bis vier oder weniger übrig bleiben. Diesen Rest‚ bestehend aus einem, zwei, drei oder vier Stäbchen, legt man rechts neben sich auf den Tisch. Ebenso wird nun der rechte Haufen durchgezählt und der Rest ebenfalls rechts zu den anderen Reststäbchen gelegt. Die abgezählten Vierergruppen werden wieder zusammengelegt und erneut, ohne lange zu überlegen, in zwei Haufen geteilt. Vom rechten Haufen wird wiederum ein Stäbchen nach rechts oben gelegt – Zeichen dafür, dass man im zweiten Durchgang ist. Wiederum wird der linke Haufen in Vierergruppen abgezählt, der Rest kommt rechts zu dem Rest aus dem ersten Durchgang. Ebenso fährt man mit dem rechten Haufen fort. Die Vierergruppen von links und rechts werden zum dritten und letzten Durchgang zusammengelegt, in zwei Teile geteilt und man verfährt so, wie bei den beiden ersten Durchgängen. Die beim dritten Vorgang übrig gebliebenen Vierergruppen werden abgezählt und es können sechs, sieben, acht oder neun Gruppen übrig bleiben. Dieses Ergebnis bildet die erste, das heißt die unterste Linie, des späteren Hexagramms.

Nun legt man alle 49 Stäbchen wieder zusammen und macht erneut drei Durchgänge wie bisher, um die zweite Linie von unten zu erhalten, hervorgehend aus sechs, sieben, acht oder neun übrig gebliebenen Vierergruppen. Erst nach sechs Durchgängen hat man das gewünschte Hexagramm.

Die Zahlen 6 und 8 stehen für Yin-Linien (— —).

Die Zahlen 7 und 9 stehen für Yang-Linien (——).

Ein Hexagramm kann zum Beispiel wie folgt aussehen:

9          —— (oben)

7          ——

8          — —

8          — —

7          ——

6          — — (unten)

Das Beispiel zeigt das Hexagramm Nr. 59 mit der Bezeichnung „Die Auflösung“. Zu allen Hexagrammen kann man die Erklärungen des Bildes und des Urteils, welche Kaiser Wen und sein Sohn vor 3.000 Jahren gegeben haben, im Buch von Richard Wilhelm nachlesen. Der Text zu Bild und Urteil besteht aus knappen und kurzen Sätzen, die archetypischen Charakter haben. Der Inhalt ist zeitlos, also immer gültig, Die mitunter gebrauchten Metaphern können zunächst befremdend wirken, aber durch die beigefügten Kommentare, die in späteren Zeiten, zum Beispiel von Konfuzius, dazugefügt wurden, kann man zum Kern der Aussage vordringen. Das Wach- und das Unterbewusstsein desjenigen, der fragt, sind bei der Erstellung des Hexagramms maßgeblich beteiligt; sie dringen bis in die tiefsten Schichten des Seins vor, so dass scheinbar „zufällig“ aus einer Vielzahl von Möglichkeiten das passende Hexagramm gezogen wird. Die Präzision in den gegebenen Antworten erstaunt selbst die skeptischsten Benutzer des I Ging. Der Forscher C.G. Jung sah sich durch dieses Werk aus dem alten China in seiner Theorie von den Archetypen bestätigt und benutzte das I Ging häufiger.

Den Blick für das Wesentliche schärfen

In allen schwierigen Lebenslagen, wenn Zweifel auftauchen darüber, welche Handlungsweise der Situation entsprechend angebracht ist, kann man sich im I Ging über die tatsächlich vorübergehend vorhandenen Energiefelder informieren. Das I Ging kennt keine Unterscheidung zwischen Materie und Geist. Es zeigt, was zurzeit ist und welche Entwicklungen im Keime angelegt sind. Auf neutrale Weise ermöglicht es dem Ratsuchenden, seine eigene energetische Struktur zu erkennen, welche wiederum in größeren Strukturen eingebettet ist.

Häufig genug geht eben in Stresssituationen der Blick für das Wesentliche verloren. Bei Fragen, die das Wesentliche des Lebens betreffen, hilft das I Ging, nicht nur die eigene Position im Fluss des Lebens zu ermitteln, sondern macht fähig, eine emotionsfreie Entscheidung zu treffen.

Suche nach dem Rückweg

Das I Ging ist frei von Moral. Es zeigt vielmehr die Gesetzmäßigkeiten der metaphysischen Ebene, aus der die Impulse zum Handeln kommen. Wenn es dem Fragenden so gelingt, sein Bewusstsein aus der Enge der eigenen Problematik zu befreien, dann bleibt sein Blick nicht länger wie gebannt auf die vorübergehenden Einzeldinge geheftet, sondern er erkennt das unwandelbare ewige Gesetz, das in und hinter allem Wandel wirkt. Dann beginnt die Phase der Suche nach dem Rückweg zu diesem Einen, und das Bewusstsein ist nunmehr auf die eine Quelle allen Lebens gerichtet.

Mit der neuen Ausrichtung des Bewusstseins löst sich der Mensch unmerklich, aber stetig aus der Polarität von Yin und Yang. Bis zu dem Moment des völligen Erwachens kennt auch der Rückweg viele Tücken; daher bleibt das I Ging ein ständiger und treuer Begleiter des spirituellen Suchers.

weiterführende Literatur:

Laotse: „Tao Te King“ (Neuübersetzung von Heinz Klein)
Heinz Klein: „Briefe zum Tao Te King“
Heinz Klein: „Die Magie vom Wenigerwerden. Die Transformation zum wahren Menschen“
Heinz Klein: „Sein eigener Meister und Schüler. Der einfache, direkte Weg“

Heinz Klein

Heinz Klein

Heinz Klein, Jahrgang 1943, absolvierte ein Kunststudium an der Akademie in Brüssel. Er war vier Jahre Dozent an der Hochschule für chinesische Kunst in Taipei/Taiwan und studierte die chinesische Sprache. Bei verschiedenen Aufenthalten in Japan wurde er in den Zen-Buddhismus eingeführt. Beim Studium der Sinologie war sein Fachgebiet die chinesische Medizin, worüber er promovierte.
Dr. Heinz Klein übersetzte Laotses "Tao Te King" neu, da er dies aufgrund seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem chinesischen Urtext als notwendig erachtete.

Beim Verlag Zeitenwende erschien von ihm:
- "Tao Te King" von Laotse (Neuübersetzung, 2005, 2. Auflage: 2012)
- "Briefe zum Tao Te King" (2005)
- "Medizin und Alchemie – Wege zum Heil im traditionellen China" (2005)
- "Die Magie vom Wenigerwerden – Die Transformation zum wahren Menschen" (2005)
- "Sein eigener Meister und Schüler - Der einfache, direkte Weg" (2007)
- "Ihr seid Götter - Die Suche nach Unsterblichkeit" (2014)
- "Das wahre Erbe der Katharer - Zeitzeugnisse" (2014)
- "Das TAO TE KING und der Weg zu wahrhafter Freiheit" (E-Book, 2016)
Heinz Klein

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  1. Guten Tag,
    ich wünsche allen Menschen eine bewusstes neues Jahr, in innerem, wie äußeren Frieden, bei bester Gesundheit und mit viel Liebe.

    Ich möchte gern Menschen kennenlernen, die Bücher von Heinz Klein gelesen haben und würd mich freuen, wenn hier jemand antwortet. Herzlichen Dank 🙂

    Liebe Grüße
    Claudia

    • Liebe Claudia,
      späten Dank für den Kommentar. Die Wünsche geben wir gern zurück und sind gespannt, was sich in der nächsten Zeit hier entwickelt. Es wäre schön, wenn hier ein Forum entstünde, natürlich auch für die Leser der Bücher von Heinz Klein.
      Beste Grüße
      Sven

      • Da sind wir schon Zwei, die ihren Geist auf diesen Wunsch richten 🙂

        Wäre es vielleicht möglich, die letzten Kommentare auf der Startseite
        linksseitig einzubinden? Das wäre sehr vorteilhaft, falls auf ältere
        Artikel ein Kommentar geschrieben wird.

        LG Claudia

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