Bewusstsein Lebensführung

Ist Glücklich-Sein wirklich der Schlüssel zum Erfolg?

„Erfolg“ gehört wahrscheinlich zu den Top-10-Wörtern unserer Zeit. Nahezu jeder von uns möchte erfolgreich sein, vor allem im Berufsleben, wo wir uns eine gute, wenn nicht gar die beste Position erarbeiten wollen, die von anderen Menschen anerkannt und angesehen wird. Unter Erfolgreich-Sein im Familienleben verstehen wir, es geschafft zu haben, zu heiraten, ohne nach zwei Jahren Ehe wieder geschieden zu werden, sowie gesunde, zufrieden strahlende Kinder zu haben, die nicht zuviel Aufsehen erregen und brav der Norm entsprechen, kurzum, wenn die gesamte Familie ein harmonisches, glückliches Leben führt. Nicht zu vergessen ist die Wichtigkeit, seinen Erfolg mit materiellen Dingen zu präsentieren: das Auto der Extraklasse, das neueste Smartphone, ein Designerhaus und pro Jahr zwei beneidenswerte Urlaube in warmen Gefilden. Und neben all dem akzeptiert die Gesellschaft nur jene Menschen, die nicht energielos und verzweifelt daherkommen, denen nicht Ausdruckslosigkeit, sondern Erfolg ins Gesicht geschrieben steht. Es braucht Powerfrauen und -männer, die immer lächeln und deren Persönlichkeiten so zauberhaft sind, dass sie von jedem und allem geliebt werden. Das ist das Bild, das diese Gesellschaft kreiert hat und das sich überall in den Werbungen wiederfindet. Also müssen wir annehmen, dass Erfolg auch zum Glücklich-Sein führt, nicht? Sonst würden die Menschen in den Werbungen doch nicht alle so glücklich aussehen; die Gesellschaft entwirft doch kein Bild, das nicht der Realität entspricht… Und es muss doch so sein, dass glückliche unweigerlich zu erfolgreichen Menschen werden, oder nicht?

Erfolg ist etwas, das wir erreichen wollen. Erfolg hat einen Start- und einen Endpunkt; es gibt ein Ziel, und wenn wir dies erreicht haben, wollen wir noch besser, weiter, schneller sein als es die Erfolgsstrategie vorsah. Wir wollen zu 100 Prozent erfolgreich sein, denn nur so erfüllen wir unsere Erwartungen und die der anderen. Wenn wir unseren Erfolgsweg skizzieren, wird ersichtlich, dass wir zunächst am unteren Ende der Erfolgsleiter stehen, und wenn wir den Erfolg errungen haben, befinden wir uns ganz oben, auf der letzten Stufe vor diesem scheinenden, vielversprechenden und verführerischen Glanz. Niemand von uns würde diese Skizze andersherum zeichnen, also so, dass wir bereits ganz oben sind und der Erfolg unten zu finden ist. Das heißt, wir schauen nach oben, nicht geradeaus, nicht nach unten, nein, wir möchten über uns hinauswachsen. Das ist der Erfolg, den wir wollen – und Folgendes ist damit verbunden:

  • Um erfolgreich zu sein, müssen wir etwas dafür tun, und das kann manchmal auch mit Anstrengungen verbunden sein (auch wenn es nur das Stufensteigen ist :-))
  • Wir sind unten und schauen zum Erfolg hinauf.

Wir möchten immer mehr, Erfolg führt oft dazu, mehr als geplant und mehr als vorher haben und/oder erreichen zu wollen. Wenn das nicht ein Zeichen unserer heutigen Zeit ist! Aber was hat das alles mit Glücklich-Sein zu tun? Was müssen wir erreichen, um glücklich zu sein? – Vor meinem geistigen Auge erscheint das Bild einer waagerecht liegenden Leiter, auf der ein Mensch einfach nur sitzt, sich ausruht und so ziemlich entspannt wirkt; darüber steht das Wort „Happiness“. Ein dementsprechendes Bild im Internet, wo ja alles Mögliche herumschwirrt, zu finden, war schier aussichtslos, wen wundert’s! Die damit verbundene Botschaft würde sich ja in unserer Welt, die geprägt ist vom Wirtschafts- und Leistungsdenken, auch nicht verkaufen. Aber, liebe Leser, stellen Sie sich das Bild doch einmal vor, Folgendes würde dieses ausdrücken: Wir sind Glück. Wir müssen nichts dafür tun, wir müssen nichts erreichen. Wir sind! Wir sind weder unten noch oben. Glücklich-Sein und das Wir gehören zusammen, es gibt keine Distanz zwischen beidem. Wir sind glücklich mit dem, was wir haben. Der Wunsch nach mehr taucht nicht auf. Unser Glücklich-Sein beeinflusst nicht, ob wir mehr oder weniger haben. Das, was ist, ist in Ordnung.

Glück ist, den Augenblick zu leben und zu genießen.

Doch zurück zur Frage, ob Erfolg zum Glücklich-Sein führt? Ich würde diese definitiv mit „Nein“ beantworten. Denn: Erfolg ist zeitlich begrenzt (Start- und Endpunkt, siehe oben), das heißt, er kommt und geht. Wenn wir wirklich glücklich sind, dann sind wir dies immerwährend. Alles andere sind nur Glücksmomente, die temporär und an Bedingungen beziehungsweise Umstände geknüpft sind. Glücklich-Sein ist kein Zustand, den wir erreichen können oder den wir haben oder nicht haben. Wir sind – das ist mehr als genug und reicht zum Glücklich-Sein vollkommen aus.

Der noch viel interessanteren Frage, ob Glücklich-Sein wirklich der Schlüssel zum Erfolg ist, möchte ich abschließend auf den Grund gehen. „Happiness is the key to success“ (Glück ist der Schlüssel zum Erfolg) ist mittlerweile eine weit verbreitete Annahme und Duktus der Gesellschaft sowie der Wirtschaft, deren Top-Manager und der Werbeindustrie, die uns etwas verkaufen wollen. Aber können wir Glücklich-Sein wirklich verkaufen, geschweige denn kaufen? Einem glücklichen Menschen ist es nicht wichtig, ob er in den Augen anderer erfolgreich ist. Ein glücklicher Mensch ist mit dem zufrieden, was bereits vorhanden ist, und kann damit leben, wenn es weniger oder mehr wird. Und wenn wir behaupten, dass Glücklich-Sein der Schlüssel zum Erfolg ist, dann wollen wir nicht wirklich glücklich sein. Dann wollen wir den Erfolg! Wenn wir uns den genannten Satz näher betrachten, sehen wir, dass Glücklich-Sein der Schlüssel für die Tür ist, hinter welcher sich der Erfolg verbirgt. Diese aufzuschließen und durch sie hindurchzugehen, ist also der erste Schritt in Richtung Erfolg. Allerdings: Mit dem Schlüssel, dem Glücklich-Sein, allein können wir nicht viel anfangen, wir müssen auch die richtige Tür finden, hinter der sich das für uns Bereitliegende befindet. Das heißt, Glücklich-Sein ist nur ein Mittel zum Zweck. Also hören wir doch auf, so zu tun, als würden wir uns für das Glücklich-Sein interessieren. Seien wir doch ehrlich und gestehen uns ein, dass wir uns von den Bildern mit den glücklichen Menschen haben verblenden lassen. Wir wollen den Bildern entsprechen, die uns die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Medien verkauft haben. Wir wollen den Erfolg. Wir wollen die Tür öffnen und alles das haben, was dahinter ist. Richtig?

Es ist an der Zeit, zu erkennen, dass wirkliches Glücklich-Sein damit nichts zu tun hat. Glückliche Menschen rennen nicht die Erfolgsleiter rauf und runter, sie sitzen darauf, entspannen und sind einfach nur.

Literaturhinweis:

Sonja Karbon: Nichts als eine Erscheinung. Suchen – Erkennen – Loslassen
Klappenbroschur: ISBN 978-3-934291-96-6
E-Book: ISBN 978-3-934291-98-0

Verlag Zeitenwende

 

 

 

Sonja Karbon

Sonja Karbon zog es wegen ihres Bedürfnisses, den menschlichen Geist in seiner Tiefe zu verstehen, nach Indien, wo sie die Philosophie der alten Yogaschriften studierte. Unzählige Male reiste sie nach Asien, um die östliche Philosophie mit dem westlichen Denken in einer neuen Symbiose zu verbinden. Sie lebt und unterrichtet in Tirol.
Buchveröffentlichung: „Nichts als Erscheinung. Suchen – Erkennen – Loslassen“ (2014)

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  1. Bernd Pe Ro

    Glück oder glücklich sein sehe ich genauso als Gegensatzpaare der polaren Welt an wie Erfolg oder Mißerfolg. Ausserdem sind sie abhängig von unserer Betrachtungsweise, also dem Relativen unterworfen. Somit sind sie genauso Täuschung und Illusion, führen also nicht zu irgendetwas Dauerndem und unserer Entwicklung Nutzbringendem.
    Wirkliches absolutes Glück entstünde, würde man aus der Wertung oder Beurteilung heraustreten.
    Das bedeutet aber auch seine Identifikation mit den Verhaftungen dieser Gesellschaft zu überwinden. Menschen schaffen das , und das sollten wir anstreben.
    Das Urteilen zwischen Gut und Schlecht zugunsten einer Haltung der freudigen dankbaren Annahme all dessen, das uns begegnet aufzugeben ist nichts anderes als Liebe im absoluten Sinne. Wenn wir dahingelangen sind wir nicht nur im Licht sondern strahlen selber. Das ist eine wirkliche Form von Glück, damit wird das was allgemein als Erfolg gilt ganz überflüssig – wenn gleich es diesen dann ebenso beinhaltet.

  2. Danke für diese Schilderungen.
    Glück ist das Leben im Augenblick und die Wahrnehmung des „Lebens“.

    Aber ist das genug?

    Was ist mit Entwicklung. Entfaltung. Einem möglichen alchemischen Wandlungsprozess?

    Ich frage, ob das Glücklich-Sein für sich alleine stehen kann und es keine echten Ziele (weil Illusuion) gibt. Oder ob das Glücklich-Sein der Hintergrund für den Entwicklungsprozess sein kann/soll/muss.

    Ich denke, diese Frage ist in aller Munde … denn es gibt die Fraktion der „Suchenden“, die behauptet, dass absolut nichts getan werden muss, da man schon erleuchtet und immer während glücklich ist. So klingt es ja auch in dem schönen Buch „Nichts als eine Erscheinung“ an (ich hab es erst zur Hälfte gelesen).

    Ich selber sehe nicht genau, wie der Weg beschaffen ist … ob es überhaupt einen Weg gibt. Muss man sich das sg. „Wu Wei“erarbeiten. Muss man um es ringen? Oder alles Ringen aufgeben … auf das man merkt, dass man schon am Ziel ist?

    Ich kann „einfach sein“ … doch für mich scheint das nicht der „letzte Weisheit Schluß“ zu sein …

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