Bewusstsein Lebensführung

Müssen wir multitaskingfähig sein?

„Multitasking“, dieser moderne westliche Begriff, der die Fähigkeit beschreibt, zwei- oder mehrgleisig agieren zu können, ist in aller Munde, doch im Grunde war er bereits überholt, bevor er so bekannt wurde – zumindest bei der Betrachtung der Sinnhaftigkeit, die sich dahinter verbirgt. Die Anforderung oder das Bestreben, mehrere Aufgaben gleichzeitig verrichten zu müssen beziehungsweise zu können, ist, wenn man sich die Entwicklung der letzten Jahre betrachtet, höchst bedenklich, um nicht zu sagen gefährlich. Multitasking kann auf Dauer nicht funktionieren, weil der Ansatz einseitig ist und uns so automatisch in eine Schieflage bringen muss. Stress und durch diesen krank gewordene Menschen sind ein deutliches Signal dafür und heute ein ernstes Problem – und das wird durch unsere Angewohnheit oder besser durch unsere aus permanenter Zeitnot geborene Ansicht, alles auf einmal lösen und bearbeiten zu müssen, massiv verstärkt.

Multitasking ist kennzeichnend für die in unserer Gesellschaft tief verwurzelte Überzeugung, dass wir in einem permanenten Mangel leben: dem Zeitmangel. Wir haben zu wenig Zeit, um alle unsere Aufgaben zu schaffen und unseren Verpflichtung nachzukommen. Und so wird vieles nebenbei gemacht, wir erledigen Dinge, während wir zeitgleich noch anderes tun, und handeln so ohne sich der Sache (richtig) bewusst zu sein. Auf dieses bedenkliche Verhalten sind wir dann noch stolz und freuen uns über unsere „Multitaskingfähigkeit“.

Doch der Mangel an Zeit ist nicht das Wesentliche, im Grunde geht es um das, was wir zu leisten im Stande sind. Leistung ist physikalisch betrachtet Arbeit mal Zeit. Und für diese unsere Leistung werden wir bezahlt. Unsere Ressource Zeit ist also eng mit Geld verknüpft. Und dadurch entsteht dann auch dieser sehr hohe, oft sogar unerträgliche Druck. Stimmt unsere Leistung nicht mehr, dann stimmt auch unser Geld nicht mehr – und das gefährdet unmittelbar unsere Existenz.

Als Gegenpol zu dieser krankhaften Entwicklung etabliert sich mehr und mehr die sogenannte „Entschleunigung“ – nur mit viel weniger Aufsehen und weniger Beachtung als dies beim „Multitasking“ der Fall war. Es wächst bei uns, wenn auch eher im Stillen und ganz und gar nicht spektakulär, in diesem Zusammenhang beispielsweise das Interesse an (östlichen) Entspannungsmethoden. Und es wird höchste Zeit, dass sich ein Gegengewicht zu dem Dauer-Dys-Stress in unserer Gesellschaft entwickelt.

Yin und Yang

Multitasking kann allein deshalb keine Lösung sein und letztlich auch nicht funktionieren, weil es einseitig ist. Es gehört zur linken Gehirnhälfte (Rationalität, Analyse, Logik etc.), zum Yang-Anteil des Lebens. Und dieser Bereich wird seit vielen Jahren in unserer Gesellschaft auf den unterschiedlichsten Ebenen überbetont, wofür wir jetzt die Quittung bekommen. Leben funktioniert auf Dauer nur, wenn es auf Ausgewogenheit basiert. Also muss der Gegenpol zum Yang-Prinzip gestärkt werden – und dieser ist das Yin-Prinzip. Während Yang für Aktivität, Kontrolle, den Verstand und das Handeln steht, ist Yin die Ruhe, das Loslassen, die Intuition und das Abwarten zugehörig. Genau das ist es, was der moderne Mensch nicht kann (und auch nicht will). Aber es gibt keine Alternative, wir haben keine Wahl mehr, wenn wir aus diesem Dilemma heraus wollen. Dem Wahn, dass alles machbar ist, dass wir alles erreichen können, indem wir nur aktiv und aggressiv genug unsere Ziele verfolgen, muss endlich Paroli geboten werden. Wir müssen den zweiten Pol, den Yin-Aspekt, zunächst einmal ernst nehmen, ihm überhaupt Beachtung schenken und ihn dann auch aktiv ins Leben einbeziehen.

Und hier schließt sich nun der Kreis. Die Schieflage unserer Zeit, die am Beispiel der Stressbelastungen deutlich wird, ist ein klares Signal dafür, dass wir mit dem westlichen Multitasking den einen Pol überfordern und den anderen nicht ausreichend berücksichtigen. Wir können diese Schieflage zumindest und als Erstes für uns persönlich korrigieren, indem wir uns beispielsweise mit den (östlichen) Entspannungsmethoden beschäftigen, Entspannungsübungen in unseren Alltag einbauen und dadurch unsere persönliche Energie stabilisieren und unsere „Batterie immer wieder aufladen“. Was zunächst möglicherweise wie eine Zeitverschwendung aussieht oder wovon viele vielleicht sogar glauben, dass sie es sich nicht „leisten“ können, weil ihnen einfach die Zeit dafür fehlt, wird sich aber, wenn man den Mut hat, es einfach einmal auszuprobieren, als phantastische Kraftquelle und als wirkungsvolle Möglichkeit erweisen, unsere Ressourcen optimal zu nutzen. Wir werden die Dinge dann zwar nicht parallel, aber in der angemessenen Reihenfolge und Zeit erledigen, wir werden dann unseren Alltag beherrschen und nicht von unseren Aufgaben aufgefressen.

Literaturhinweise:
Weiterführende Gedanken zu diesem Thema und zahlreiche Übungen für eine „persönliche Entschleunigung“ finden Sie im Übungsbuch Ausstieg aus der Stress-Spirale sowie in den beiden anderen Büchern von Frank C. Blomeyer:

                

Frank Blomeyer

Frank C. Blomeyer wurde 1957 in Goslar geboren. Seine Kindheit und Schulzeit verbrachte er in Marburg an der Lahn. Nach dem Abitur widmete er sich in seiner Ausbildung unterschiedlichsten Interessengebieten, insbesondere der Theologie, der Psychologie, dem Rettungsdienst und der Naturheilmedizin. Im Jahr 1984 eröffnete er eine Naturheilpraxis in Goslar. Seit Mitte der 1990iger Jahre ist er darüber hinaus auch als Dozent und Trainer tätig. Heute lebt er mit seiner Familie in der Lüneburger Heide und dort Seminare, Trainings und auch individuelle Beratungen und Behandlungen an.
Beim Verlag Zeitenwende erschien von ihm: Burnout - Warum läßt Du Dich verheizen? (2011); Dein Bewußtsein - Deine Stärke. Plädoyer gegen die Angst vor Veränderungen (2011); Ausstieg aus der Stress-Spirale (2013)

Letzte Artikel von Frank Blomeyer (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Lesen Sie weiter:
Vom Ringen der Mächte im Märchen von der Gänsemagd

Es gibt ein interessantes Märchen von einer Königstochter, die auf dem Weg zur Hochzeit von ihrer Kammerjungfer verraten, betrogen, ausgeplündert...

Schließen