Spiritualität Taoismus Transformation

Sind wir also doch unsterblich?

Gedanken zu den beiden „lebenden Toten“ Daschi-Dorscho Itiegelow in Burjatien und Prahlad Jani in Indien. – Die heutigen politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Systeme haben Mühe, die inneren Auflösungserscheinungen zu vertuschen, welche diese Systeme als überholt und selbstherrlich bloßstellen könnten. Und jener Typus Mensch, der nach den Worten der Bibel aus einem Erdkloß geschaffen wurde und wieder zu Staub zurückkehren muss, zieht alle Register des intellektuell ausgedachten Lehrgebäudes‚ um die Überlieferung von der Unsterblichkeit des kosmischen Menschen als Scharlatanerie oder als Ammenmärchen abzutun.

Und wie durch ein „Wunder“ wurden unsere Nachforschungen zu dem Thema Unsterblichkeit im letzten Jahr abgeschlossen und in einem Buch der Öffentlichkeit vorgestellt. Es knistert quasi im Gebälk der alten Lehrgebäude. Nie wurde so heftig und widersprüchlich über das Thema Unsterblichkeit diskutiert wie jetzt, denn die beiden oben erwähnten Fälle ließen dieses Thema wieder aufflackern. „Gibt es sie also doch?“ so fragt sich der aufgescheuchte Zeitgenosse, der längst begriffen hat, dass er in einem gut versiegelten und überwachten Gedankengebäude gefangen ist. Zu dieser Selbsterkenntnis kann jeder vorstoßen, der einen Blick von außen auf sich werfen oder zu seinem innersten Kern vordringen kann. Dann ist es ihm möglich, sich aus einer inneren Schau – sub specie interiotitatis – heraus Rechenschaft abzulegen über die erdgebundene Sicht seines Bewusstseins. In aller Deutlichkeit kann er seine eigene Versklavung an die degenerierte Form von dem, was Menschenleben einst ausmachte, erkennen und überwinden. Dann wird er es zulassen, dass Tore in ihm geöffnet werden zu den lebendigen Ebenen der geistigen Elemente, welche die eine Wirklichkeit ausmachen.

Der indische Asket Prahlad Jani (links) sowie Daschi-Dorscho Itiegelow, der Chambo Lama (rechts).

Die beiden Fälle, die derzeit die Wissenschaftswelt in Unruhe gebracht haben, sind einerseits der Chambo Lama, das Oberhaupt der Buddhisten Burjatiens, der 1927 im Zustand der Meditation die Seinsebenen wechselte, und andererseits der indische Asket, der sich nach eigenen Angaben der Körperlichkeit entzogen hat und ohne Nahrungs- und Wasseraufnahme weiterlebt. Beide Phänomene sind Ausnahmefälle und erschüttern unser versteinertes Weltbild. Bevor wir jedoch nach mysteriösen Ausnahmefällen Ausschau halten, sollten wir uns mit jenem Vers über die Unsterblichkeit aus der chinesischen Tradition beschäftigen (Laotse: »Tao Te King«, Vers 50, Neuübersetzung von Heinz Klein):

„Ich habe erzählen hören:
Wer mit Sorgfalt das Lebensprinzip in sich nährt und schützt,
wandert über Land
und wird weder von Nashorn noch Tiger angefallen,
durchquert einen Kriegsschauplatz
und trägt weder Rüstung noch Waffen.
Das Nashorn findet keine Stelle,
wo es sein Horn hineinstoßen kann.
Der Tiger findet keine Stelle,
wo seine Krallen eindringen können.
Die Soldaten finden keine Stelle,
wo sie mit ihren Schwertern zustechen können.

Wie kann das geschehen?
Weil dieser Körper eben keine sterbliche Substanz mehr hat.“

Dieser Jemand, der durch das Land wandert, ohne tödlich verletzt werden zu können, ist kein Gespenst, das nur von spiritistischen Medien wahrgenommen werden kann. Er ist da und auch nicht da, weil er nach seiner elektromagnetischen Schwingung nicht mehr der Polarität angehört. Aber er ist sichtbar. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den biblischen Bericht von den Jüngern, die nach Emmaus wanderten und einem „Auferstandenen“ begegneten, ohne ihn zu erkennen. Die aufstrebende Machtkirche hat aus dieser Überwindung der Sterblichkeit durch den Bericht der glorreichen Himmelfahrt ein einmaliges Erlebnis gemacht und die Menschen dadurch noch tiefer an den sterblichen Erdkloß gebunden. Unsterblichkeit wurde fortan in kirchlichen Kreisen im gleichen Atemzug mit Gespenster- und jenseitigen „Heiligenerscheinungen“ genannt. Verlorengegangen war schon längst das Bewusstsein von der organischen Einheit, in welcher alle geschaffenen Wesen und Dinge lebten. Als aber in der Folgezeit die Aufnahmefähigkeit für die lenkenden Kräfte innerhalb der sichtbaren Natur abnahm, beschränkte sich das Bewusstsein auf die „gemeinen“ oder „toten“ Elemente.

Die Elemente, aus denen alle Dinge bestehen und Leben haben, sind nicht jene, die sichtbar vor Augen treten. Die vom Menschen geschaffenen naturwissenschaftlichen Systeme basieren auf der Erdhaftigkeit seines Bewusstseins. Er erfasst die Welt über die fünf Sinne seines Körpers. Schon der sechste und der siebente Sinn könnten ihn aus dem Zauberbann der Erde befreien. Diese Bewusstseinsbefreiung hat nichts mit einem religiösen Erlebnis zu tun. Paracelsus beschreibt dieses Erlebnis wie folgt: „Die Natur kennt mich, und ich kenne sie. Mein Auge richtete sich auf das Licht, das in ihr ist (lux naturae), und ich habe es vorhanden gefunden im Mikrokosmos, und siehe da, es war auch im Makrokosmos.“

Acht taoistische Unsterbliche, „die nun für alles genug Zeit haben“: Durch die Vertiefung in das Studium der Tugenden und vor allem der alchemistischen Wissenschaften ist es (nicht nur) nach taoistischer Auffassung möglich, den Göttern gleich unsterblich zu werden. (Chinesischer Holzschnitt aus dem 19. Jhd.)

Die Unsterblichkeit‚ das heißt die Überwindung der dumpfen Erdhaftigkeit unseres Bewusstseins, ist im Menschen von jeher angelegt und vorhanden (vgl. Bibelaussage: „Das Himmelreich ist in euch“). Hat man es einmal in sich entdeckt, dann wird man es auf ewig besitzen.

Dass dem Menschen andere Sphären offenstehen als eine Existenzform in den der Allgemeinheit einsuggerierten, engen Lebensschemen, davon legen die genannten beiden „lebenden Toten“ ein Zeugnis ab – mehr aber auch nicht. Die Unsterblichkeit des ehemaligen Geist-Menschen berechtigt zu der Aussage: „Ihr seid Götter“ – wenn ihr euch von den selbstgeschaffenen Dogmen befreien könnt.

Literaturhinweis:

Ihr seid Götter. Die Suche nach Unsterblichkeit

Heinz & Aude Klein: Ihr seid Götter. Die Suche nach Unsterblichkeit
Verlag Zeitenwende, 2014
Klappenbroschur: ISBN 978-3-934291-95-9
E-Book: ISBN 978-3-945701-00-3

Verlag Zeitenwende

 

 

Heinz Klein

Heinz Klein

Heinz Klein, Jahrgang 1943, absolvierte ein Kunststudium an der Akademie in Brüssel. Er war vier Jahre Dozent an der Hochschule für chinesische Kunst in Taipei/Taiwan und studierte die chinesische Sprache. Bei verschiedenen Aufenthalten in Japan wurde er in den Zen-Buddhismus eingeführt. Beim Studium der Sinologie war sein Fachgebiet die chinesische Medizin, worüber er promovierte.
Dr. Heinz Klein übersetzte Laotses "Tao Te King" neu, da er dies aufgrund seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem chinesischen Urtext als notwendig erachtete.

Beim Verlag Zeitenwende erschien von ihm:
- "Tao Te King" von Laotse (Neuübersetzung, 2005, 2. Auflage: 2012)
- "Briefe zum Tao Te King" (2005)
- "Medizin und Alchemie – Wege zum Heil im traditionellen China" (2005)
- "Die Magie vom Wenigerwerden – Die Transformation zum wahren Menschen" (2005)
- "Sein eigener Meister und Schüler - Der einfache, direkte Weg" (2007)
- "Ihr seid Götter - Die Suche nach Unsterblichkeit" (2014)
- "Das wahre Erbe der Katharer - Zeitzeugnisse" (2014)
- "Das TAO TE KING und der Weg zu wahrhafter Freiheit" (E-Book, 2016)
Heinz Klein

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  1. Das Buch hat mich beim Lesen gleich gepackt, nahezu in Atem gehalten.
    Aude sagt: „… seine Erlösung beginnt damit, dass er wachgerüttelt wird.“ (S. 20)
    Das Buch enthält viele wachrüttelnde Sätze, die im wahrsten Sinne des Wortes „erlösen“.
    Es hat eine Stimmigkeit und Schönheit, wie eine „heilige Schrift“.
    Der Satz, der mich am meisten wach gerüttelt hat, ist der Satz: „Die Unsterblichen leben
    mitten unter uns.“ (S. 138) Der Satz steht da wie in Stein gemeißelt. Nicht zu diskutieren.
    „Der Stein des Weisen“? Wie dem auch sei:

    Meine Seele jubiliert erlöst. Sie „erinnert sich“: JA, DAS IST ES! So viele Verwirrungen
    bekommen plötzlich Sinn. Mir sind Tränen in den Augen der „Erlösung“. Jesus –
    nicht in den Himmel aufgefahren, sondern mitten unter uns: Loatse, Buddha, …
    Wir brauchen nur die Augen zu spüren, um ihren lebendigen Atem zu spüren.
    Mir bedeutet Pythagoras besonders viel: … mitten unter uns …
    Als ob der Himmel sich geöffnet hat und ich zum ersten Mal in die Weite des Kosmos
    sehen könnte. Was sicher ist: Mein Leben hat eine neue Dimension bekommen.
    Ja, gut, sie war schon immer da. Ich bin in diese Dimension erwacht. Meine Seele jubelt.
    Es ist, wie ein neues Leben geschenkt zu bekommen. DANKE!

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