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Tao Te King – Laotse und die zeitlose innere Transformation

Kategorien: Taoismus, Transformation

Das „Tao Te King“ und dessen Verfasser, Laotse, werden allgemein in Anlehnung an die chinesische Tradition ins 6. vorchristliche Jahrhundert datiert. Der Inhalt des Werkes jedoch ist zeitlos und daher zu allen Zeiten von größter Aktualität für jeden Sucher, der nach der einen wahnfreien Wirklichkeit strebt. Warum aber können die meisten Leser von diesem unübertroffenen Handbuch zur inneren Transformation keinen Gebrauch machen? Worin besteht denn die Schwierigkeit, den roten Faden, der sich durch diese Verse zieht, zu entdecken? Es kommt eben nicht nur darauf an, die Aussage der Verse intellektuell zu verstehen, wichtiger ist, sie auch im Leben zu verwirklichen.

Laotse

Laotse

Der Inhalt der einzelnen Verse, der die gewöhnlichen Lebenserfahrungen überschreitet, umschließt mehrere Daseins- und Bewusstseinsebenen. Wenn nun das Bewusstsein des Übersetzers oder des Lesers auf eine einzige Bewusstseinsebene eingeengt ist, dann werden viele Sätze als mysteriös und inkohärent empfunden. Erschwerend für den westlichen Forscher bleibt die Tatsache, dass die chinesische Sprache, besonders vom Schriftbild her, ein großes Spektrum von Bedeutungen einschließt. Und dies allein mit dem Ziel, so wenig wie möglich Grenzen zwischen den verschiedenen Ebenen der sichtbaren und unsichtbaren Schöpfung zu ziehen. Wie keine andere Sprache ist die chinesische Sprache ein geeignetes Mittel, metaphysische Gesetzmäßigkeiten zu übermitteln. Das „Tao Te King“ ist, wie der französische Forscher René Guénon erkannt hat, Metaphysik in reinster Form.

Was versteht man unter Metaphysik?

Metaphysische Texte behandeln zum einen die uns bekannte Natur (die physis) und andererseits auch das, was über sie hinausgeht (meta), was hinter ihr steht. Goethe lässt in seinem Werk „Faust“ den Schüler den Wunsch aussprechen: „… und möchte gern, was auf der Erden und dem Himmel ist, erfassen.“ Die modernen Wissenschaften, und zwar in allen Bereichen, begnügen sich damit, das zu erforschen, was „physis“ ist. Jene, die nach dem, was darüber ist, verlangen, müssen sich selbst auf die Suche begeben. Philosophien können das Verlangen des Herzens nach Begegnung mit der ersten und letzten Ursache für die „physis“ nicht stillen, weil es sich um Konstrukte und Theorien handelt, die sich der Philosoph in intellektueller Akribie abgerungen hat. Religionen ihrerseits bieten ebenfalls Lösungen und Antworten auf die primäre Frage nach dem Lebenssinn an. Da sie aber selbst in der Polarität von Gut und Böse gefangen sind, heißt ihr Ausweg: sich erlösen lassen.

So aber versanden die Frische und die Entschlussfreudigkeit, die den ersten Impulsen zur Suche innewohnen, sehr schnell im Geflecht bestehend aus Theologie und Moralvorschriften.

Schöpfung ist Gegenwart

Von modernen Astrophysikern wird vermehrt die Meinung vertreten, dass das für unsere Augen sichtbare Universum nur 5 % der Schöpfung ausmacht. Der Raum, der zwischen den sichtbaren Teilen liegt, ist also nicht leer, und ein ewiges Entstehen und Vergehen kennzeichnet die Schöpfung. Nichts bleibt in der Schöpfung, was es gerade zu sein scheint. Wenn sich unsere Sichtweise aus den starren Theorien des bisher geltenden mechanischen Weltbildes befreit hat, dann wird uns die Auffassung der alten Chinesen, die behaupten, Schöpfung hat keinen Anfang und kein Ende, verständlicher und wir begreifen: Schöpfung ist ein Prozess, der sich in jeder Gegenwart auf mehreren Ebenen vollzieht. Schöpfung geschieht in jedem Augenblick neu, nicht willkürlich und zufällig, sondern nach Gesetzmäßigkeiten. Eine davon lautet: Die Wandlungen und Umwandlungen sind endlos und grenzenlos. Wenn wir unser Bewusstsein auf diese Ebene erheben können, dann brechen die bislang gehegten Vorstellungen von Himmel und Hölle zusammen. Ein Schauder ergreift uns, und wir fühlen uns winzig klein im Angesicht dieser unvorstellbaren Weite und Größe.

Und doch, so behauptet Laotse, ist der Mensch eine von den vier kosmischen Mächten („Tao Te King“, Vers 25). So gebildet und kultiviert wir auch sein mögen, so wissen wir innerlich genau, dass uns in unserem jetzigen Zustand diese Position nicht zusteht. Wenn wir aber dazu berufen sind, dann muss es auch einen Weg dahin geben. An alle, die vom innersten Wesen her dazu berufen sind, die Polarität zu verlassen und in die kosmische Einheit zurückzukehren, um wieder die Position der Mitte zwischen Himmel und Erde einzunehmen, an jene wahrhaft königlichen Menschen wenden sich die 81 Verse des „Tao Te King“.

Die zwei Naturordnungen

In Vers 70 heißt es: „Meine Worte sind in ihrer Aussage sehr leicht zu erfassen… Doch niemand (vom Bewusstsein) dieser Welt vermag weder den Kern der Worte zu begreifen noch in die Tat umzusetzen.“

Laotse war sich dessen bewusst, dass viele seine Verse lesen werden, aber den Kern der Aussage nicht erfassen können, es sei denn, dass sie innerlich um die zeitgleiche Existenz zweier Naturordnungen und Welten wissen und daher nach einem Ausweg aus der dual gespaltenen Natur suchen. Die verschiedenen Zeitalter und Kulturen haben an dieser ewig neuen Suche nichts geändert. Die Menschen in früheren Zeiten waren der Lösung nicht näher als der moderne Mensch, der ganz unter dem Bann des technischen Fortschrittes steht.

TAO und TE

Die Lehre von TAO, dem nicht geoffenbarten Schöpfergeist, und der Urmater, genannt TE, ist zu jeder Zeit für die Menschen aktuell, die die Begrenzung ihrer Existenz spüren und nach einem Weg Ausschau halten, der sie aus der Knechtschaft der Illusionen und Gewohnheiten in die Wirklichkeit des wahren Lebens führt. Dieser Weg ist in den kosmischen Gesetzmäßigkeiten verankert. Jeder, der diesen Weg aufrichtig betritt, wird vom Feld des unvergänglichen Lebens erkannt und freudig aufgenommen (siehe „Tao Te King“, Vers 23). Der Weg besteht aus einem inneren Transformationsprozess, so dass in der Hülle des gewöhnlich sterblichen Menschen der ursprünglich wahre Mensch auferstehen kann.

Die Stufen dieses Weges fangen dort an, wo der Fuß des Menschen jetzt steht, und enden an dem Punkt, wo der kommende Mensch das Doppelkleid der Ewigkeit anzieht („Tao Te King“, Vers 52). Die Verssammlung berücksichtigt alle Aspekte des Weges, ohne dass Rezepte zu den einzelnen Stufen gegeben werden, denn schon mit dem ersten Schritt des Wenigerwerdens öffnen sich für den Wegbeschreiter andere Bewusstseinsfelder, so dass die weiteren Wegstationen offen vor ihm liegen und er sein eigener Meister und Schüler wird. Das, was die Menschen zu allen Zeiten von diesem Weg in die Einheit der ursprünglichen Schöpfung zurückhält, ist ihre innere Unentschlossenheit, die gewohnten Zickzackwege der polar gespaltenen Welt zu verlassen und sich von alten Vorlieben und Vorstellungen zu trennen.

Der Mensch, besonders der zweifelnde, möchte zuerst das Ewigkeitskleid in Händen halten, bevor er sein verwesliches Kleid dieser Natur ablegt. Doch wie uns das Märchen „Sterntaler“ auf verständliche Weise lehrt, müssen wir erst in die Leere eintreten, bevor die Fülle über uns kommt.

weiterführende Literatur:

Laotse: “Tao Te King” (Neuübersetzung von Heinz Klein)
Heinz Klein: “Briefe zum Tao Te King”
Heinz Klein: “Die Magie vom Wenigerwerden. Die Transformation zum wahren Menschen”
Heinz Klein: “Sein eigener Meister und Schüler. Der einfache, direkte Weg”

 

Heinz Klein

Heinz Klein

Heinz Klein, Jahrgang 1943, absolvierte ein Kunststudium an der Akademie in Brüssel. Er war vier Jahre Dozent an der Hochschule für chinesische Kunst in Taipei/Taiwan und studierte die chinesische Sprache. Bei verschiedenen Aufenthalten in Japan wurde er in den Zen-Buddhismus eingeführt. Beim Studium der Sinologie war sein Fachgebiet die chinesische Medizin, worüber er promovierte.
Dr. Heinz Klein übersetzte Laotses "Tao Te King" neu, da er dies aufgrund seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem chinesischen Urtext als notwendig erachtete.

Beim Verlag Zeitenwende erschien von ihm:
- "Tao Te King" von Laotse (Neuübersetzung, 2005, 2. Auflage: 2012)
- "Briefe zum Tao Te King" (2005)
- "Medizin und Alchemie – Wege zum Heil im traditionellen China" (2005)
- "Die Magie vom Wenigerwerden – Die Transformation zum wahren Menschen" (2005)
- "Sein eigener Meister und Schüler - Der einfache, direkte Weg" (2007)
- "Ihr seid Götter - Die Suche nach Unsterblichkeit" (2014)
- "Das wahre Erbe der Katharer - Zeitzeugnisse" (2014)
- "Das TAO TE KING und der Weg zu wahrhafter Freiheit" (E-Book, 2016)
Heinz Klein

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Autor: Heinz Klein

Heinz Klein, Jahrgang 1943, absolvierte ein Kunststudium an der Akademie in Brüssel. Er war vier Jahre Dozent an der Hochschule für chinesische Kunst in Taipei/Taiwan und studierte die chinesische Sprache. Bei verschiedenen Aufenthalten in Japan wurde er in den Zen-Buddhismus eingeführt. Beim Studium der Sinologie war sein Fachgebiet die chinesische Medizin, worüber er promovierte. Dr. Heinz Klein übersetzte Laotses "Tao Te King" neu, da er dies aufgrund seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem chinesischen Urtext als notwendig erachtete. Beim Verlag Zeitenwende erschien von ihm: - "Tao Te King" von Laotse (Neuübersetzung, 2005, 2. Auflage: 2012) - "Briefe zum Tao Te King" (2005) - "Medizin und Alchemie – Wege zum Heil im traditionellen China" (2005) - "Die Magie vom Wenigerwerden – Die Transformation zum wahren Menschen" (2005) - "Sein eigener Meister und Schüler - Der einfache, direkte Weg" (2007) - "Ihr seid Götter - Die Suche nach Unsterblichkeit" (2014) - "Das wahre Erbe der Katharer - Zeitzeugnisse" (2014) - "Das TAO TE KING und der Weg zu wahrhafter Freiheit" (E-Book, 2016)

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