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TAO – Weg der absoluten und höchsten Freiheit

Kategorien: Bewusstsein, Metaphysik, Taoismus, Transformation

Heutigentags quellen verschiedenste Formen des TAO nur so hervor, es gibt das TAO der Liebe, das TAO der Fülle, das TAO des Herzens, das TAO der Physik, das TAO des Drachen, das TAO der Selbstheilung, das TAO des Geldes und des Kapitals usw. Doch nach der taoistischen Lehre bleibt TAO für den Menschen unfassbar, unbegreifbar und unnennbar. Worauf gründet dann aber die Zuversicht der taoistischen Meister, dass TAO existiert und mehr ist als eine philosophische Schlussfolgerung?

Diese Frage wurde bestimmt auch schon Laotse gestellt, denn er selbst schreibt im „Tao Te King“: „Woher weiß ich, dass es so ist?“ Und seine Antwort lautet: „Durch JENES.“ Durch seine Teilhabe an einem Lebensfeld, das anders ist als das polare Lebensfeld aus dieser Natur, war er berufen, seinen Zeitgenossen den Weg zu TAO zu weisen. Ähnlich wie Buddha wird auch Laotse gezögert haben, das ganz andere Lebensfeld vor den Menschen zu bezeugen, die wie blind und taub für die andere Wirklichkeit sind. Wie heißt es doch in Vers 35 des „Tao Te King“ (alle nachfolgenden Zitate sind der Neuübersetzung des „Tao Te King“ von Heinz Klein entnommen):

„Bei Musik und leckeren Speisen
bleibt mancher Vorübergehende stehen.
Doch wird ein Wort von TAO gesprochen,
wie klanglos und fade ist es dagegen.“

Das TAO TE KING und der Weg zu wahrhafter Freiheit

Wer deshalb nach Wundern und Sensationen Ausschau hält, wird sich nicht vom Taoismus oder Buddhismus angezogen fühlen. (Beide zählen zu den großen Weltreligionen, obgleich sie nicht mit den monotheistischen Religionen zu vergleichen sind. Sie könnten ebenso der reinen Metaphysik zugeordnet werden, doch dem widerspricht der in diesen Lehren enthaltene Ausweg aus dem Rad der Inkarnationen.) In Buddhas Reden ist das Verbot an seine Schüler enthalten, durch Wunder auf sich aufmerksam zu machen. In den volkstümlichen Überlieferungen jedoch werden sowohl den taoistischen wie auch buddhistischen „Heiligen“ wunderbare Taten zugeschrieben, aber „Wunder“ bildeten nie einen Teil der Lehre; ebenso sucht man vergebens nach „Heiligen“. Wohl aber spricht man von den in einem anderen Daseinsfeld Erwachten. In zwei Versen macht Laotse deutliche Aussagen zu den in vergangenen Zeiten Erwachten.

„Sie waren:
unentschlossen wie jemand, der im Winter einen Fluss durchquert,
vorsichtig wie jemand, der die ganze Nachbarschaft fürchtet,
ernst und würdevoll, wie sich ein Gast verhält,
nachgebend wie Eis, das anfängt zu schmelzen,
unverfälscht und echt wie noch nicht bearbeitetes Rohmaterial,
leer und aufnahmefähig wie ein Tal,
in ihrem Wesen nicht zu durchschauen wie trübes Wasser,
ruhig und unermesslich wie die große See,
in steter Bewegung wie der Wind, der sich nicht festhalten lässt.“
(„Tao Te King“, Vers 15)

Diese Erwachten leben nicht aufscheinend unter uns. Niemand sieht ihren „Heiligenschein“. Sie leben nicht im Rampenlicht und doch wirken sie auf ihre Weise.

„Wer in der Güte aus TAO lebt,
lässt TAO wirken und mehr nicht.
Er wirkt nicht, indem er Gewalt anwendet.
Er lässt wirken und rühmt sich selbst nicht.
Er lässt wirken und schreibt sich selbst das Verdienst nicht zu.
Er lässt wirken und wird selbst nicht hochmütig.
Er lässt wirken und widersetzt sich nicht.
Er lässt wirken und erzwingt nicht.“
(„Tao Te King“, Vers 30)

Diejenigen, die ihr Leben in das Vibrationsfeld von TAO gestellt haben, sind über jede Macht und Magie erhaben. In und durch sie wirkt die stärkste Kraft des Universums, ohne dass diese Menschen nach außen hin als stark und mächtig auftreten. Schon zu der Güte aus TAO sagt Laotse, dass sie mit dem Wasser vergleichbar ist.

„Des Wassers Güte ist, allen Wesen zu dienen
ohne Streit um Form und Platz.“
(„Tao Te King“, Vers 8)

Aber Wasser, so ist weltweit bekannt, überwindet das härteste Element. Auch der stärkste und härteste Eigenwille des Menschen wird in die Konfrontation mit der bisher verachteten Schwachheit und Nachgiebigkeit des kosmischen Willens geführt.

Es ist bezeichnend für die sich offenbarenden Schöpfungsgötter, dass sie vom Menschen als stark und unüberwindlich angesehen werden. Diese Götter können in Zorn geraten und ganze Generationen durch eine einzige Katastrophe auslöschen. Daher tut man gut daran, ihren Zorn nicht zu wecken.

„Das TAO ist ewig unveränderlich,
namenlos und unzerteilt.
Selbst in seiner Manifestation in den kleinsten Teilchen
kann niemand und nichts in der Schöpfung
es sich untertan machen.“
(„Tao Te King“, Vers 32)

Das Netz der Moral und Begriffe

Nichts in den sichtbaren und unsichtbaren Sphären entsteht, das nicht von TAO getragen wird. Jeder Schöpfungsakt trägt in sich den Schöpfungsimpuls aus TAO. Gelangt der Schöpfungsimpuls an die Schwelle der Realisierung, dann bezeichnet Laotse die spürbare Kraft, die alle Formen werden lässt, mit dem chinesischen Zeichen TE, ein abstrakter Begriff für die Urmutterkraft des Universums. Im Schoße der Urmater verdichtet sich das nie Gestalt annehmende TAO zu einer alles Werden unterstützenden Mutterkraft. Die erste Schöpfung aus TAO ist das Ur-Weibliche, und das Weibliche überwindet auf immer das Männliche, weil es passiv bleibt und sich unten hält. In großer Mannigfaltigkeit erscheinen die Geschöpfe. Alle Formen sind latent im Schoße der Urmater enthalten. Diese ursprüngliche Schöpfung, die aus der Pforte der kosmischen Urmater ununterbrochen hervorgeht, dürfen wir auf keinen Fall durch die Brille der uns eingeimpften Moral sehen und sie als „gut“ und „schön“ oder „harmonisch“ bezeichnen, denn dann sind wir Gefangene in der Polarität. Hierzu heißt es im „Tao Te King“ (Vers 2):

„Weil die Wesen in der geschaffenen Welt
das Schöne als schön bezeichnen,
schaffen sie so das Hässliche.
Weil die Wesen in der geschaffenen Welt
das Gute als gut bezeichnen,
schaffen sie so das Nicht-Gute.“

In diesem Zustand ist uns Menschen der Pol, den wir gerade nicht wollen, näher als der von uns angestrebte Zustand der Harmonie und Schönheit. Und ohne es zu wollen, sind wir in den Zustand des Kämpfens gekommen gegen das, was wir nicht mögen: schwach und machtlos zu sein. Nun entwickeln die Menschen Gedankenmodelle, wie sie der gespürten Fessel entkommen können. Positives Denken, Gut-sein, das Schöne fördern, das Böse meiden, seinen Willen stärken, so oder ähnlich lauten die Devisen der Menschen im Rad der Polarität. Kleine Scheinerfolge bestätigen auch die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges. Die Angst vor der möglichen Präsenz des unerwünschten Gegenpoles ging bei einer Schülerin des positiven Weges so weit, dass sie nur eine positive Nachricht auf dem Anrufbeantworter hören wollte.

Generell führen alle Wege, die entweder im Netz der Moral oder im Kampf der Gegensätze gefangen sind, nicht zur Befreiung des Menschen, auch wenn dies fast gebetsartig von den Schülern dieser Wege wiederholt wird. Wie aber können wir uns dem unvergänglichen Schöpfungsfeld aus TAO und TE nähern, ohne uns an einen Gegensatzpole zu binden? Sieht Laotse eine Schwächung des Männlichen und eine Stärkung des Weiblichen vor, wie es in vielen esoterischen Gruppen heutzutage gelehrt wird?

Laotses Antwort zu diesem Problem gibt der Vers 28 des „Tao Te King“:

„Seine männliche Kraft erfahren
und seine weibliche Fähigkeit bewahren,
heißt der Schöpfung leeres Tal sein.
Wer der Schöpfung wie ein leeres Tal dient,
den verlässt das unvergängliche TE nicht,
er kehrt in die ursprüngliche Kindschaft zurück.“

Es gibt keine Übungen und Methoden, sich den Übergang in das Feld von TAO zu erarbeiten. Bei allen Bemühungen, die wir mit unserem Ich-Bewusstsein unternehmen, werden wir zwar nicht vom kosmischen Energiestrom abgeschnitten, doch die kosmische Mutterkraft, genannt TE, fließt uns nicht in reiner, sondern in oft schon pervertierter Form zu, und wir tummeln uns auf dem Feld der von Menschen erdachten, aufgebauten und aufrechterhaltenen eigenwilligen Ersatzwelt. In der Bibel heißt es hierzu: „Sie schmücken ihre Gräber.“

Der Schöpfung leeres Tal

Wenn der Mann männlich und die Frau weiblich bleibt und sie beide nicht versuchen, ideologische Vorstellungen zu verwirklichen, die ihnen der Zeitgeist eingibt und Befreiung verspricht, in Wirklichkeit jedoch die ursprünglich männliche und ursprünglich weibliche Energie pervertiert, dann ergänzen sie sich beide und werden der Schöpfung leeres Tal. In ein leeres Tal oder in ein leeres Gefäß können kosmische Energien, die noch die Schwingungskraft des ursprünglichen TAO-Feldes übertragen, unbehindert einfließen, und die kleinen Schritte zum Erwachen können getan werden . Wie und wo der spirituelle Weg auch angefangen wird, er führt den Menschen immer zu einer Mauer, wo er die Begrenztheit der von Menschen erfundenen Wege spürt. Nach mehreren vergeblichen Bemühungen des Menschen, sich auf seine Weise in das andere Lebensfeld einzuschleichen, erwacht in ihm gewöhnlich das Unterscheidungsvermögen. Dies ist die Frucht von allen vorangegangenen schmerzhaften Erfahrungen und Enttäuschungen, die man auf den eigenwilligen Wegen gesammelt hat. Wenn das Unterscheidungsvermögen im Menschen gereift ist, dann kann er seinen Willen einsetzen, um das überfüllte Gefäß (Tal) zu entleeren. Das Männliche und Weibliche im Menschen bleiben unverändert und harren auf die Begegnung mit dem Geist. Für Laotse ist der Geist der Schöpfung weiblich, der impulsübermittelnde Geist aus dem nicht erklärbaren Urgrund jedoch männlich. Der Urgrund selbst ist seiend und nicht-seiend, männlich und weiblich – er kennt keine Gegensätze. Wer sowohl seine Männlichkeit wie auch seine Weiblichkeit der Schöpfung als leeres Tal zur Verfügung stellt, erfährt und erlebt in sich eine Wandlung, die sich von Person zu Person unterschiedlich vollzieht, denn das Ab- und Aufgeben von alten Überzeugungen und Gewohnheiten ist ein Prozess, den jeder in unterschiedlichem Maße zulässt. Wir begegnen TAO in dem Maße, wie wir nach unserem Ich-Bild und unserem Persönlichkeitswahn entwerden.

„Und dann?“ so fragt der moderne Mensch. „Was kommt nach meiner Entleerung?“

Um TAO zu begegnen, gibt es keinen bestimmten Anfang. Alle Wege sind geeignet, Wege zu TAO zu sein, wenn wir in den Prozessen der Selbstverwirklichung der menschlich erdachten Ziele innehalten und bemerken, dass wir uns von der unverfälschten Ursprünglichkeit fortentwickeln und in einen Energiestrudel hineingeraten sind, der sich selbst behauptend seine eigene Welt schafft.

Das erste kleine Erwachen über den realen Ist-Zustand der Welt kann sich überall ereignen, auf allen Wegen und in allen Lebenssituationen. Sind wir eben bedingungslos auf der Suche nach der einen Wirklichkeit, die hinter der uns gewohnten Fassade der Welt liegt, dann legen wir in außergewöhnlichen Erlebnissen jeglicher Art die Brille, durch die wir die Welt gewöhnlich betrachten, kurz ab und sehen die Dinge anders. Wir sehen sie nackt, „ungeschminkt“, wie sie sind. Diese kurze Erfahrung der Wirklichkeit ist für uns wichtiger als alle Unterweisung, die uns ein Lehrer geben könnte. Ab nun kennen wir den Geschmack der von uns geschaffenen Welt und von „JENEM“, das einem anderen Bewusstseins- und Seinszustand zugehört.

Haben wir selbst diese Erfahrung der einen wahnfreien Wirklichkeit für Sekunden oder Minuten erlebt, dann befinden wir uns auf dem Weg zur Freiheit. Wir erlangen nun kein besonders hermetisch verschlossenes Wissen. Wir wissen schließlich nicht viel, weil wir das Wissen geworden sind. Die Rhythmen des unveränderlichen Seins öffnen unseren Blick für die Verbundenheit mit allem Geschaffenen, das auf die ihm eingegebene Weise der Einswerdung mit dem Urgrund entgegenwächst.

Die vom Eigenwillen geprägte und daher degenerierte Ich-Individualität wird im inneren Umwandlungsprozess aufgelöst (solve) und durch eine auf kosmischer Ebene integrierten Individualität ersetzt (coagula). Dieser Mensch, frei von äußeren und inneren Zwängen, steht souverän mitten im kosmischen Geschehen. Dies ist die absolute und höchste Stufe der Freiheit. Dieser Seinszustand trägt keinen Namen, weil diejenigen, die ihm angehören, jene sind, die da wirklich sind: Ihr Weg endete spurlos und niemand war in der Lage, ihre Biographie zu verfassen!

Heinz Klein

Heinz Klein

Heinz Klein, Jahrgang 1943, absolvierte ein Kunststudium an der Akademie in Brüssel. Er war vier Jahre Dozent an der Hochschule für chinesische Kunst in Taipei/Taiwan und studierte die chinesische Sprache. Bei verschiedenen Aufenthalten in Japan wurde er in den Zen-Buddhismus eingeführt. Beim Studium der Sinologie war sein Fachgebiet die chinesische Medizin, worüber er promovierte.
Dr. Heinz Klein übersetzte Laotses "Tao Te King" neu, da er dies aufgrund seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem chinesischen Urtext als notwendig erachtete.

Beim Verlag Zeitenwende erschien von ihm:
- "Tao Te King" von Laotse (Neuübersetzung, 2005, 2. Auflage: 2012)
- "Briefe zum Tao Te King" (2005)
- "Medizin und Alchemie – Wege zum Heil im traditionellen China" (2005)
- "Die Magie vom Wenigerwerden – Die Transformation zum wahren Menschen" (2005)
- "Sein eigener Meister und Schüler - Der einfache, direkte Weg" (2007)
- "Ihr seid Götter - Die Suche nach Unsterblichkeit" (2014)
- "Das wahre Erbe der Katharer - Zeitzeugnisse" (2014)
- "Das TAO TE KING und der Weg zu wahrhafter Freiheit" (E-Book, 2016)
Heinz Klein

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Autor: Heinz Klein

Heinz Klein, Jahrgang 1943, absolvierte ein Kunststudium an der Akademie in Brüssel. Er war vier Jahre Dozent an der Hochschule für chinesische Kunst in Taipei/Taiwan und studierte die chinesische Sprache. Bei verschiedenen Aufenthalten in Japan wurde er in den Zen-Buddhismus eingeführt. Beim Studium der Sinologie war sein Fachgebiet die chinesische Medizin, worüber er promovierte. Dr. Heinz Klein übersetzte Laotses "Tao Te King" neu, da er dies aufgrund seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem chinesischen Urtext als notwendig erachtete. Beim Verlag Zeitenwende erschien von ihm: - "Tao Te King" von Laotse (Neuübersetzung, 2005, 2. Auflage: 2012) - "Briefe zum Tao Te King" (2005) - "Medizin und Alchemie – Wege zum Heil im traditionellen China" (2005) - "Die Magie vom Wenigerwerden – Die Transformation zum wahren Menschen" (2005) - "Sein eigener Meister und Schüler - Der einfache, direkte Weg" (2007) - "Ihr seid Götter - Die Suche nach Unsterblichkeit" (2014) - "Das wahre Erbe der Katharer - Zeitzeugnisse" (2014) - "Das TAO TE KING und der Weg zu wahrhafter Freiheit" (E-Book, 2016)

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