Von nichts sind wir Menschen so sehr überzeugt wie von der Idee, dass wir Entscheidungen frei treffen und ebenso frei und autonom unser Leben gestalten können. Doch: An die Bindungen, in die wir seit unseren Kindertagen unmerklich hineingewachsen sind, haben wir uns so gewöhnt, dass wir sie nicht mehr bemerken.

Die Fesseln, die uns von äußeren Autoritäten auferlegt werden, nehmen wir gern in Kauf, weil wir glauben, uns dadurch ein Stück Sicherheit verschaffen zu können. Vom Elternhaus und der Schule übernehmen wir ein Weltbild, eine Weltsicht, wir passen uns an die allgemein gutgeheißenen Normen an und merken nie – solange alles gut geht –, dass wir die Welt durch die Brille unserer Kultur, unserer Gesellschaft, unserer Familie sehen. Und wenn wir beispielsweise nach der Ausbildung ins Berufsleben treten, müssen wir uns mehr als einmal anpassen, um uns in der bestehenden Hierarchie der Gesellschaft einen Platz zu erkämpfen.

Damit uns dieses angepasste Leben, das schließlich nur noch aus einer Kette von automatisierten Handlungen besteht, nicht bewusst wird, lenken wir uns pausenlos ab. Die Medien überschütten uns mit Informationen, die uns über die neueste Entwicklung im Weltgeschehen unterrichten, und durch Fernsehfilme lassen wir uns in unseren Emotionen packen und unser Intellekt wird angeregt, sich mit fiktiven Lebensschicksalen zu beschäftigen. Das ganze Leben geht so an uns vorbei wie eine Fernsehsendung, und wir sehen das Leben durch die Ausschnitte, die die Journalisten und Redakteure uns vorführen. Auf mehreren Ebenen bleiben die Menschen, wenn sie sich nicht von den Weltbildern sogenannter Autoritäten freimachen, Wiederkäuer der vorgesetzten Speise.

Selbst leben oder gelebt werden?

Obwohl die Menschen von morgens bis abends viel tun und bewegen, leben sie nicht, sondern werden gelebt. C.G. Jung nannte dies das Leben in der Posthypnose. Von ihm wird berichtet, wie er im Kreise seiner Schüler erwähnte, dass ihm bei genauer Beobachtung die Mitmenschen so vorkommen, als handelten sie in Posthypnose. Bei einigen Menschen fällt es in der Tat entweder in der Sprache, in der Gestik oder in den Verhaltensmustern besonders deutlich auf, wie stereotyp ihre Lebensäußerungen sind.

Unser Denken‚ welches sich allein auf Erfahrungswerte des Ich-Bewusstseins stützt, ist vergangenheitsbezogen. Wenn unser Denken noch gefühlsbetont ist, so kommt es ohnehin nicht in die Gegenwart, denn in unseren Gefühlen und Emotionen spiegelt sich unsere Abhängigkeit von den Gegensätzen wider (das mag ich – das mag ich nicht).

In dem Erdachten und Erfundenen liegen unsere Abhängigkeiten und Bindungen, die wir eingegangen sind, um uns in der Gruppe besser verteidigen zu können. Derjenige, der die Macht- und Manipulationsspiele des Ichs ablegt, baut auf das Einfache, das Unverfälschte, das Absichtslose. Er kann den Mitmenschen und den Mitgeschöpfen offen und ohne Hintergedanken gegenübertreten. Diese neue Geisteshaltung, wenn sie nicht imitiert ist, sondern auf einer Wesenswandlung beruht, lässt die Augen klarer und die Sprache ehrlicher werden.

Wenn unsere Ego-Ansprüche abnehmen, dann wird ein Stück unserer Aufmerksamkeit wieder freigegeben. Zum ersten Mal wird der Automatismus, der bisher unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmte, angehalten, und wir erlangen eine bis dahin nicht gekannte geistige Wachheit. Je mehr wir uns von allen ich-bezogenen Regungen und Impulsen befreien, desto mehr Schwingungen aus dem ursprünglich geistigen Lebensfeld können in uns einfließen. So wird unser elektromagnetisches Feld verändert – ein Vorgang, den kein Willensakt und auch kein Körpertraining in uns vollbringen können.

Das Leben auf der Ich-Ebene

Ein Leben auf der Ebene des Ichs ist ein unfreies; zusammenfassend gesagt bedeutet dies:

  • die Einheit der Schöpfung nicht (mehr) empfinden können
  • hin- und hergerissen werden von den polaren Kräften dieser Welt, Spielball der Dualität sein
  • die Kräfte, die uns zufließen, werden krampfhaft festgehalten und dann doch im Überlebenskampf verbraucht
  • im anderen Menschen wird der Konkurrent gesehen; diesen gilt es zu überwinden, indem man ihn manipuliert (streckenweise muss man sich selbst auch manipulieren lassen, um im günstigen Moment zurückschlagen zu können)
  • verstärktes Verlangen nach Sicherheiten, Materie wird angehäuft, anstatt sinnvoll eingesetzt
  • blind sein für die eine Wirklichkeit
  • der Mensch hält die vom Ich-Bewusstsein mit Hilfe des intellektuellen Denkens postulierte Wirklichkeit für wahr
  • Angst vor der Leere, weil das Ich-Bewusstsein den Untergang spürt.

Das TAO TE KING und der Weg zu wahrhafter Freiheit

Das Leben auf der Seins-Ebene

Kann sich jedoch im Menschen durch sein beharrliches Festhalten an der veränderten Lebenshaltung die innere Wandlung vollziehen, dann wächst im Lichte der Wachsamkeit ein anderes Wesen in ihm heran. Das neue Bewusstsein öffnet diesem Menschen die Tür zum Sein, und im Sein liegt die Fülle. Ein Leben auf der Seinsebene bedeutet:

  • die Schöpfung wird als Einheit empfunden
  • die Gegensätze werden als Einheit gesehen, weil ein wertendes Ich nicht mehr zwischen gut und böse, vorteilhaft und nachteilig unterscheidet
  • kein Bedürfnis mehr, die Kräfte‚ die uns unparteiisch zufließen, zum Eigennutzen zu behalten; so kann auf ein Anhäufen von Energien zum eigenen Überlebenskampf verzichtet werden; das Eingebundensein in die Schöpfung lässt in uns Fürsorge und Liebe zu den Mitgeschöpfen wachsen
  • der andere ist nicht länger der Konkurrent, sondern der Nächste, wir werden befreit vom Zwang, andere auszutricksen oder zu unserem Vorteil zu manipulieren
  • unser Denken wird aufrichtig, die Macht der Hintergedanken verblasst
  • zwischen uns und der Schöpfung gibt es keine Trennwand mehr (die Geschöpfe um uns herum werden zum kleinen Du und der Kosmos zum großen Du; wir erleben die eine wahre Wirklichkeit; nicht das Denken dominiert in uns, sondern die neu erwachte Intuition)
  • in der Leere erkennen wir die Fülle, da unsere Augen sehend geworden sind.

Das Innere wirkt im Außen

Es mag sein, dass unsere veränderte Lebenshaltung bei den „klugen“ Machern in unserer Gesellschaft Verwunderung hervorruft oder wir nicht ganz ernst genommen werden, weil unsere innere Uhr nur noch einen Zeiger hat. Dafür stehen wir nicht mehr im Kräftespiel der Dualität. Dies bewirkt in uns:

  • im Leben das Wenigerwerden
  • in der Gesinnung Tiefe und Bescheidenheit
  • im Geben Barmherzigkeit
  • im Reden Wahrhaftigkeit
  • im Walten die Ordnung
  • im Tun die Eignung
  • im Wirken die Rechtzeitigkeit.

 

Literaturhinweis:

Ihr seid Götter. Die Suche nach Unsterblichkeit

Heinz & Aude Klein: Ihr seid Götter. Die Suche nach Unsterblichkeit
Verlag Zeitenwende, 2014
Klappenbroschur: ISBN 978-3-934291-95-9
E-Book: ISBN 978-3-945701-00-3

Verlag Zeitenwende

 

Heinz Klein

Heinz Klein

Heinz Klein, Jahrgang 1943, absolvierte ein Kunststudium an der Akademie in Brüssel. Er war vier Jahre Dozent an der Hochschule für chinesische Kunst in Taipei/Taiwan und studierte die chinesische Sprache. Bei verschiedenen Aufenthalten in Japan wurde er in den Zen-Buddhismus eingeführt. Beim Studium der Sinologie war sein Fachgebiet die chinesische Medizin, worüber er promovierte.
Dr. Heinz Klein übersetzte Laotses "Tao Te King" neu, da er dies aufgrund seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem chinesischen Urtext als notwendig erachtete.

Beim Verlag Zeitenwende erschien von ihm:
- "Tao Te King" von Laotse (Neuübersetzung, 2005, 2. Auflage: 2012)
- "Briefe zum Tao Te King" (2005)
- "Medizin und Alchemie – Wege zum Heil im traditionellen China" (2005)
- "Die Magie vom Wenigerwerden – Die Transformation zum wahren Menschen" (2005)
- "Sein eigener Meister und Schüler - Der einfache, direkte Weg" (2007)
- "Ihr seid Götter - Die Suche nach Unsterblichkeit" (2014)
- "Das wahre Erbe der Katharer - Zeitzeugnisse" (2014)
- "Das TAO TE KING und der Weg zu wahrhafter Freiheit" (E-Book, 2016)
Heinz Klein

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