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Weisheit der Märchen am Beispiel der sieben Raben

Kategorien: Bewusstsein, Märchen/Märchendeutung, Metaphysik

Märchen sind nicht die Errungenschaft eines bestimmten Kulturkreises; man findet sie auf der ganzen Welt. Selbst wenn sich die Märchen zum Beispiel der Indianer und der Chinesen auf den ersten Blick von den europäischen unterscheiden, so enthält die Kernaussage aller Märchen eine Mitteilung, oder besser gesagt, eine Mär, eine Kunde, die, wenn sie richtig gedeutet und verstanden wird, für alle Menschen dieser Welt Gültigkeit hat.

Sein oder Nicht-Sein im Märchen

Die Märchen, und dies gilt besonders für das Volksmärchen, wählen als Mitteilungsebene die des Wunderbaren, eine Ebene, in der die Materie anderen als den uns bekannten Gesetzen zu unterliegen scheint, so dass Verzauberung und Entzauberung möglich sind. Märchen berichten von einem schicksalhaften Geschehen, welches zur gleichen Zeit auf mehreren Daseinsebenen Auswirkungen hat.

Das einfache Volk, welches die Märchen über viele Jahrhunderte mündlich weitergegeben hat, wusste noch um die Verkettung und Verbindung der verschiedenen Schöpfungsebenen und folgte mit der Intuition des Herzens den Helden auf ihrem Entwicklungsweg. Auch wenn das äußere Geschehen oft sehr einfach ist, so berührt es doch die Grundfesten des menschlichen Lebens. Es geht in der Tat um Sein oder Nicht-Sein.

Wiederherstellung der Ordnung

Der intellektuelle moderne Mensch kann sich der Unausweichlichkeit des Schicksals entziehen und in virtuelle Scheinwelten fliehen. Endlose Diskussionen nähren die Hoffnung des Einzelnen, aus der Eigenverantwortung entlassen zu werden. Die Helden und Heldinnen der Märchen jedoch lehnen sich nicht gegen die Gegebenheiten auf und akzeptieren ihr Beteiligtsein an der unglücklichen Situation, an deren Entstehung sie oft nicht die geringste Schuld haben. In ihrem Innern wissen sie, dass sie mit den anderen Geschöpfen auf allen Ebenen verbunden sind. Daher ist es ganz natürlich für sie, dass Wünsche sich erfüllen, dass Gedanken sich in Taten verwandeln und Flüche Wirklichkeit werden. Aber es sind nicht nur die Helden, die sich bemühen, den verlorengegangenen Zustand wiederherzustellen. Alle Geschöpfe der Tier- und Pflanzenwelt und selbst jene aus den Naturreichen der Feen und Zwerge sind bereit, die Schöpfung wieder in Ordnung zu bringen. Dies ist und bleibt die erste Lebensaufgabe in den Märchen.

Botschaft in den Märchen

Mit zunehmender Herrschaft der Technik über den Menschen verlor dieser die ursprüngliche Harmonie zwischen den körperlichen, seelischen und geistigen Seinsebenen, und in ihm entstand ein Ungleichgewicht zugunsten der Verstandeskräfte. Märchen und der Bereich des Wunderbaren galten seither nur noch als Lektüre für Kinder. Und Erwachsene, die in sich nicht ein Stück Kindsein bewahrt hatten, waren für die Weisheit in den Märchen nicht mehr zugänglich. Doch gerade von dieser zeitlosen, wenn auch verschlüsselten Botschaft einer anderen Wirklichkeitsebene fühlten sich‚ zur Verwunderung vieler Intellektuellen, alle jene Erwachsenen angezogen, die sich selbst als Sucher nach einer anderen Lebenswirklichkeit verstanden.

Wer wieder ein offenes Ohr und ein aufnahmebereites Herz hatte, der folgte den Helden der Märchen von einer Seinsebene in die andere. Verzauberungen und Verwünschungen beruhten nicht auf dem Eingreifen jähzorniger Götter, sondern sie waren die notwendige Folge menschlichen Versagens auf dieser oder jener Seinsebene. Und es bedurfte wiederum einer menschlichen Tat, um die kosmische Gesetzmäßigkeit wieder in Ordnung zu bringen. Diese scheinbar unausführbare Heldentat konnte getan werden, weil die anderen Geschöpfe zu Hilfe eilten. Erwachsene wie Kinder verstehen diese Mär und behalten alle Worte in ihrem Herz.

Symbole und Metaphern

Alle Märchen erzählen ein in sich abgeschlossenes Geschehen, und dieses eine Geschehen beleuchtet immer nur einen Aspekt des menschlichen Weges der Erlösung, der Befreiung. Kein Märchen beschreibt alle Wegstationen, die ein Mensch durchlaufen muss, sondern nur einen wichtigen Aspekt. Um den Gehalt der kosmischen Aussage zu verdeutlichen, wird gern die Symbolik der Zahlen benutzt. Besonders häufig ist der Gebrauch der Zahlen 2, 3, 7 und 12.

Beispiele für die Zwei: „Die zwei Brüder“, „Brüderchen und Schwesterchen“, „Hänsel und Gretel“.
Beispiele für die Drei: „Die drei Brüder“, „Die drei Glückskinder“, „Die drei Sprachen“, „Die drei Männlein im Walde“.
Beispiele für die Sieben: „Die sieben Raben“, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, „Der Wolf und die sieben Geißlein“.
Beispiele für die Zwölf: „Die zwölf Brüder“, „Die zwölf Jäger“, „Die zwölf faulen Knechte“.

Zahlensymbolik drückt immer eine kosmische Gesetzmäßigkeit aus:

2 = Ein Hinweis auf die Polarität unseres Lebensfeldes.
3 = Das Schöpfungsprinzip folgt dem Aspekt der Dreiheit; der Mensch offenbart sich auf drei Ebenen (Körper, Seele, Geist).
7 = Die Woche hat sieben Tage; das geozentrische Weltbild kennt sieben Planeten; das Licht bricht sich in sieben Farben; der Mensch hat sieben Chakras.
12 = Das Jahr hat zwölf Monate; Jesus hatte zwölf Apostel; die Sonne bewegt sich im Kreis der zwölf Tierkreiszeichen.

Das weibliche und das männliche Prinzip

Auslöser für eine Lebenswende ist immer der aktive männliche Teil des Menschen, oft versinnbildlicht in der Figur des Vaters oder des Bruders. Einem starken Willensimpuls folgend stellt er sich außerhalb der Gesetzmäßigkeit und löst das verhängnisvolle Geschehen aus. Der abwartende passive Teil eines Menschen, meist verkörpert in der Figur der Schwester, bringt den Mut auf, alle Hindernisse zu überwinden, und erlöst so den verwunschenen männlichen Teil. Die Tat der Erlösung und die Aufhebung der Verwünschung wird nicht einer Erlöserfigur zugeschrieben, sondern die Schwester steht stellvertretend für das ewig Weibliche schlechthin. Die deutsche Sprache hilft uns bei der Suche nach dem Weiblichen Prinzip im Menschen. Es ist die Seele, die durch eine dienende und aufopfernde Hingabe den Menschen wieder zu seiner eigentlichen Bestimmung zurückführt.

In den Märchen „Die zwölf Brüder“ und „Die sieben Raben“ sind die Schwestern durch ihre Geburt an der Verwünschung der Brüder beteiligt. Beide wissen, dass sie sich dem Unglück nicht entziehen können. Sie sind in der Tat Brüder und Schwestern. Und die Schwestern machen sich auf den weiten, beschwerlichen Weg. Sie stellen ihr ganzes Leben in den Dienst ihrer Brüder. – Die Zahl Sieben enthält den Hinweis, dass wir die Brüder nicht am Firmament zu suchen haben, wie im Beispiel der zwölf Brüder, sondern im kleinen Kosmos, im menschlichen Körper. In den Märchen „Die sieben Geißlein“ und „Schneewittchen“, das bei den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen wohnt, erhalten wir den Hinweis, dass es sich um sieben Bereiche im menschlichen Körper handelt, die zwar aktiv, aber für uns nicht zugänglich sind. Sie sind hinter den sieben Bergen oder eingeschlossen im Glasberg. Diese Zentren, gemeint sind die sieben Chakras des Ätherkörpers, bleiben dem Menschen verschlossen, bis die Seele sie transformiert.

Die Befreierin: unsere Seele

Die Seele wendet sich in ihrer Not an Sonne und Mond, die kosmischen Repräsentanten der Dualität. Sie erfüllen ihre kosmische Aufgabe und sind unbarmherzig aus der Sicht des Menschen gesehen. Die Sterne übernehmen die Vermittlerrolle, sie geben Rat und Hilfestellung. Aber selbst das Geschenk der Sterne hilft der Schwester nicht, da sie es aus Unachtsamkeit verliert. So muss sie ein persönliches Opfer bringen und sich selbst einen Finger abschneiden, um die Tür zum Glasberg öffnen zu können. Glasberg und Glassarg sind gern gebrauchte Metaphern, um den Scheintod zu umschreiben.

Im Märchen „Schneewittchen“ muss die reine Seele aus jedem Tellerchen und jedem Becherchen der Brüder etwas nehmen. Dies bedeutet, die Seele vermischt sich mit den Brüdern bis in die materielle Ebene hinein. Die Schwester der sieben Raben lässt in das letzte Becherchen ein Ringlein fallen; ein Hinweis darauf, dass alle miteinander verbunden sind. Bezeichnenderweise erfahren die sieben Raben die Befreiung erst dadurch, dass sie ihren Wunsch nach Erlösung laut aussprechen. Das Wort hat auf dieser Menschheitsstufe noch seine Urgewalt. Das hatte schon der Vater erfahren müssen, als er unüberlegt seinen Fluch laut ausgesprochen hatte. Das Halschakra erfüllt noch ganz die ihm zugedachte Funktion als Schöpfungsorgan.

Heim- und Rückkehr

Das Märchen von den sieben Raben ist ein reines Seelenmärchen. Kernaussage ist die freiwillige und selbstlose Aufopferung der Seele für den Mikro- und letztendlich auch für den Makrokosmos. Die Schwester rügt ihren Vater nicht wegen seines unbedachten Verhaltens, noch beklagt sie ihr eigenes Schicksal, die Aufhebung des Missgeschicks ihrer Brüder zu ihrer Lebensaufgabe zu machen.

Schwach und kaum überlebensfähig kommt jede Seele in unser Lebensfeld zur Welt. Sie wächst in ihrer Entwicklung und erhält bei jedem Entschluss, sich aus Mitgefühl selbstvergessend für die Entwirrung kosmischer Verkettungen einzusetzen, übermenschliche Kraft, eine Kraft, welche die natürlichen Fähigkeiten eines Menschen übersteigt. So können die Brüder ihr Erbrecht in Anspruch nehmen; alle, so lautet es im Schlusssatz, zogen fröhlich heim.

Die Märchen bewahren uns davor, in jenseitigen Gefilden nach dem Lebensglück zu suchen. Wie überaus deutlich drückt es doch eine Weisheit Asiens aus:

„Des Volkes Essen sei wohlschmeckend,
die Kleidung sei schön,
die Heimstatt fröhlich
und heiter sei seine Lebensweise.“

Heinz Klein

Heinz Klein

Heinz Klein, Jahrgang 1943, absolvierte ein Kunststudium an der Akademie in Brüssel. Er war vier Jahre Dozent an der Hochschule für chinesische Kunst in Taipei/Taiwan und studierte die chinesische Sprache. Bei verschiedenen Aufenthalten in Japan wurde er in den Zen-Buddhismus eingeführt. Beim Studium der Sinologie war sein Fachgebiet die chinesische Medizin, worüber er promovierte.
Dr. Heinz Klein übersetzte Laotses "Tao Te King" neu, da er dies aufgrund seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem chinesischen Urtext als notwendig erachtete.

Beim Verlag Zeitenwende erschien von ihm:
- "Tao Te King" von Laotse (Neuübersetzung, 2005, 2. Auflage: 2012)
- "Briefe zum Tao Te King" (2005)
- "Medizin und Alchemie – Wege zum Heil im traditionellen China" (2005)
- "Die Magie vom Wenigerwerden – Die Transformation zum wahren Menschen" (2005)
- "Sein eigener Meister und Schüler - Der einfache, direkte Weg" (2007)
- "Ihr seid Götter - Die Suche nach Unsterblichkeit" (2014)
- "Das wahre Erbe der Katharer - Zeitzeugnisse" (2014)
- "Das TAO TE KING und der Weg zu wahrhafter Freiheit" (E-Book, 2016)
Heinz Klein

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Autor: Heinz Klein

Heinz Klein, Jahrgang 1943, absolvierte ein Kunststudium an der Akademie in Brüssel. Er war vier Jahre Dozent an der Hochschule für chinesische Kunst in Taipei/Taiwan und studierte die chinesische Sprache. Bei verschiedenen Aufenthalten in Japan wurde er in den Zen-Buddhismus eingeführt. Beim Studium der Sinologie war sein Fachgebiet die chinesische Medizin, worüber er promovierte. Dr. Heinz Klein übersetzte Laotses "Tao Te King" neu, da er dies aufgrund seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem chinesischen Urtext als notwendig erachtete. Beim Verlag Zeitenwende erschien von ihm: - "Tao Te King" von Laotse (Neuübersetzung, 2005, 2. Auflage: 2012) - "Briefe zum Tao Te King" (2005) - "Medizin und Alchemie – Wege zum Heil im traditionellen China" (2005) - "Die Magie vom Wenigerwerden – Die Transformation zum wahren Menschen" (2005) - "Sein eigener Meister und Schüler - Der einfache, direkte Weg" (2007) - "Ihr seid Götter - Die Suche nach Unsterblichkeit" (2014) - "Das wahre Erbe der Katharer - Zeitzeugnisse" (2014) - "Das TAO TE KING und der Weg zu wahrhafter Freiheit" (E-Book, 2016)

Ein Kommentar

  1. “Bezeichnenderweise erfahren die sieben Raben die Befreiung erst dadurch, dass sie ihren Wunsch nach Erlösung laut aussprechen. Das Wort hat auf dieser Menschheitsstufe noch seine Urgewalt. Das hatte schon der Vater erfahren müssen, als er unüberlegt seinen Fluch laut ausgesprochen hatte. Das Halschakra erfüllt noch ganz die ihm zugedachte Funktion als Schöpfungsorgan.”

    Ist dies der Beginn? Das Verlangen nach dem Weg (der Erlösung)?

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